Themenreise "Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise" | 2010

Sind Schulden schlimm?

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Beginn meist mit dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers markiert wird, ist seitdem ein zentrales Thema für Regierungen und Zivilgesellschaften weltweit. Die schwerwiegenden Folgen kalkulierter Wirtschaftsblasen, unabgestimmter Währungspolitiken, einer Spekulationswut im Finanzsektor und eines hohe Risiken eingehenden Bankenmanagements haben Debatten und Gegenmaßnahmen in einem Umfang ausgelöst, wie seit vielen Jahrzehnten nicht.

In Deutschland gilt der Umgang mit und die Bewältigung der Finanzkrise zumindest vorerst als vergleichsweise gelungen. Allein das so genannte "Jobwunder" – als das ein im Gegensatz zu vielen anderen Ländern bislang ausgebliebener sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit bezeichnet wird – ist in diesem Zusammenhang ein häufig erörtertes Phänomen.

Für Journalisten aus der ganzen Welt bietet der Fall Deutschlands nicht nur diesbezüglich interessante Einblicke. Die Situation des Landes ist in einigen Bereichen spezifisch: ein stark exportorientiertes Land mit teuren und relativ weitreichenden sozialen Sicherungssystemen, einer charakteristischen Struktur des Bankensektors und einem vergleichsweise sehr großen Anteil mittelständischer Unternehmen an der Gesamtwirtschaftsleistung. Exemplarisch ist Deutschland bezüglich des Eingebundenseins in global funktionierende ökonomische Mechanismen.

Deutschland war daher ein lohnendes Studienobjekt für die aus zwölf Ländern stammenden 15 Journalistinnen und Journalisten, die an der Themenreise teilnahmen. Die heterogene Zusammensetzung der Gruppe sorgte durchweg für äußerst angeregte und aufschlussreiche Diskussionen. Schnell wurde klar, dass Ursachen und Auswirkungen der Krise international durchaus verschieden von der deutschen bzw. europäischen Sichtweise wahrgenommen werden können. So hängen die Beurteilung der starken Exportorientierung Deutschlands ebenso wie die qualitative Einschätzung von Schulden als auch die Optionen für konjunkturfördernde Maßnahmen und Regulierung unter anderem auch von nationalen Interessen sowie historischen und kulturellen Perspektiven ab.

In diesem Zusammenhang waren vor allem die in Deutschland bisher recht erfolgreichen Maßnahmen zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage ein ausgiebig diskutiertes Thema, am häufigsten ging es um die Konjunkturpakete der Bundesregierung, die Kurzarbeiterregelungen, Bankenrettungen, den Binnenkonsum und dessen Stimulierung oder die allgemeine Verfügbarkeit von Krediten. Aus aktuellem Anlass und den natürlich wichtigen Zusammenhängen rund um die Euro-Währung bzw. EU-Fragen wurde auch ausgiebig über das "Thema Griechenland" und die möglichen Folgen diskutiert.

Das ausgewogene Programm schloss zahlreiche Besuche bei Ministerien, verschiedenen Banken, Kommunen, der Wirtschaftspresse, Gewerkschaften und Gespräche mit Wissenschaftlern ein. Des Weiteren war ein reichhaltiges Kulturprogramm integriert, das u. a. mit historischen Mahnmalen in Berlin, dem Bankenviertel in Frankfurt am Main und einem Besuch der Zeche Zollverein in Essen wichtige, die deutsche Wirtschaft und Politik mit beeinflussende historische und kulturelle Hintergründe anschaulich machte.

Auf eine hohe fachliche Qualifikation der Teilnehmer aus den Wirtschafts- und Politikressorts namhafter Zeitungen und Radiostationen traf im Laufe der Woche ein intensiver und häufig bis ins Kleinste gehender Input an Fakten, Zahlen und Statistiken. So wurden zunehmend kenntnisreiche Nachfragen und Diskussionen rund um Spezifika der deutschen Situation und Politik deutlich. Dies hätte sich nicht besser als in der äußerst detaillierten und die Woche abschließenden Diskussionsrunde im Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung zeigen können.Einen zugleich ernsten und augenzwinkernden Abschluss der Themenreise bildete die wissenschaftstheoretische Frage eines Teilnehmers, ob es einfacher sei, das Wetter oder die ökonomische Entwicklung vorherzusagen. Es ist das Wetter, denn es gehorcht Naturgesetzen. Die Ökonomie aber wird unmittelbar vom Handeln des Menschen beeinflusst und dieses ist oft unvorhersehbar.