Themenreise "Luther 2017. 500 Jahre Reformation in Deutschland" | 2017

Wartburg in Eisenach, Foto: Thomas Şindilariu

Phänomen Reformation

Die Reformation wird hierzulande vor allem als ein soziales, politisches und kulturelles Phänomen gewürdigt. Erklärt dies vielleicht, warum Kirchen leer sind, während das Reformationsjubiläum als riesiges gesellschaftliches Event gefeiert wird? Eine Delegationsreise mit internationalen Experten ging nicht nur dieser spannenden Frage nach.

Ein Bericht von Sebastian Blottner

Perspektiven auf ein besonderes Jubiläum

2017 jährt sich der Thesenanschlag Martin Luthers (1483-1546) an der Schlosskirche zu Wittenberg zum 500. Mal. In 95 Thesen wandte sich Luther gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche und setzte damit eine folgenschwere Dynamik in Gang: Die Veröffentlichung seiner Thesen gilt bis heute als Auslöser der lutherischen Reformation, eines langwierigen Prozesses von globalen Ausmaßen, der zur Spaltung der Kirche führte und bis heute wirkmächtig geblieben ist.

Der Bedeutung des epochalen Ereignisses angemessen, wurde in Deutschland seit 2007 eine ganze Lutherdekade begangen. 2017 kommt sie zu ihrem Abschluss und Höhepunkt. Das Jubiläum war Anlass für eine vom ifa für das Auswärtige Amt durchgeführte Delegationsreise zum Thema "500 Jahre Reformation in Deutschland". Geistliche, Historiker und Wissenschaftler aus fünfzehn Ländern (Argentinien, Äthiopien, Australien, China, Estland, Großbritannien, Guatemala, Indonesien, Kosovo, Lettland, Mexiko, Namibia, Rumänien, Russland und Ungarn) besuchten wichtige Reformationszentren und Wirkungsstätten Luthers und traten mit zahlreichen Expertinnen und Experten sowie Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland in Dialog.

Kulturelle Alphabetisierung

Dabei gewannen sie einen umfassenden Eindruck deutscher Perspektiven auf die Reformation. Diese nehmen mehr als nur religiöse Aspekte in den Blick und fokussieren sich häufig auf den tiefgreifenden Mentalitätswandel, den die Reformation auslöste. Wesentliche Strukturmerkmale unserer heutigen Gesellschaft sind ihm geschuldet - Arbeitsethos, Bildungsstreben oder individuelle Verantwortung sind wichtige Stichworte, um die viele Gespräche kreisten.

In kaum einem Land gingen die gesamtgesellschaftlichen Effekte der Reformation so weit über kirchliche Grenzen hinaus wie in Deutschland. Luthers Bibelübersetzung war beispielsweise einer der Meilensteine bei der Herausbildung der deutschen Sprache. Ein "nation building", ohne dass es einen Martin Luther gegeben hätte, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Dies erklärt, warum der Reformationsbeauftragte der Thüringer Landesregierung, Thomas A. Seidel, seine Rolle im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten allgemein als "Beauftragter für kulturelle Alphabetisierung" beschrieb.

Ambivalente Symbolfigur

Dabei fiel den ausländischen Experten und Historikern deutlich ins Auge, wie sehr Martin Luther medien- und massenwirksam zur Symbolfigur stilisiert wird, zu einem "Label" der Reformation. Dies entspricht nicht unbedingt den Perspektiven in anderen Ländern und hat auch nicht nur Vorteile. Der Blick auf die Komplexität des von vielen weiteren Protagonisten getragenen Reformationsprozesses wird dadurch nicht nur verengt, sondern auch die kritische Beurteilung von Luther selbst erschwert.

Im reformatorischen Erbe stecken nämlich durchaus Ambivalenzen, Luthers antisemitische Schriften sind dafür ein offenkundiges Beispiel. Aber auch Kapitalismus und Klimawandel könnte man durchaus als Erbstücke der Reformation auffassen, wie Joachim Willems, Professor am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg einräumte. Womit er gleichzeitig einen Beweis für die Wirkmächtigkeit der lutherischen Reformation erbrachte: Es war Luther, der der evangelischen Kirche ein "kritisches Gen" einpflanzte, wie es der Theologe und Journalist Wolfgang Thielmann formulierte. Ein Gen, das heute untrennbar zur DNA unseres Gemeinwesens gehört.

Geistliche contra weltliche Deutungshoheit

Bei der Betrachtung und Analyse deutscher Geschichte und Kultur kommt man nicht um Luther herum. Die Zusammenarbeit von Staat und Kirche bei der Gestaltung des Reformationsjubiläums war dementsprechend eng und im internationalen Vergleich auch spezifisch deutsch. In den meisten Ländern existieren entweder keine solch engen Verbindungen oder sie sind von einer weitaus weniger austarierten Aufgabenteilung und Balance gekennzeichnet.

Aus geistlicher Perspektive gibt die Betonung des gesellschaftlich-kulturellen Reformationserbes mitunter Anlass zu der Sorge, theologische Aspekte könnten zu sehr in den Hintergrund treten. Eine Frage, die im Zuge der Delegationsreise mehrmals aufgeworfen wurde, allerdings scheint ihre Beantwortung ganz von individuellen Standpunkten abzuhängen. Markus Dröge, Bischof der Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sieht eher Chancen als Risiken. Angesichts großer Herausforderungen wie der Flüchtlingskrise oder des erstarkenden Rechtspopulismus böte das Reformationsjubiläum die gute Gelegenheit, eine (christliche) Botschaft zu senden, so Dröge, und die laute: Freiheit und Verantwortung.

Damit sind zwei Schlüsselbegriffe genannt, die sich immer wieder herauskristallisieren, wenn es um das Erbe bzw. die Langzeitfolgen der Reformation geht. Es ist die Relevanz kritischen Denkens, es sind Werte wie Bildung, individuelle Freiheit und Verantwortung, deren Stellenwert in unserer Gesellschaft ganz wesentlich durch den Transformationsprozess der Reformation definiert wurde.