Themenreise "Umgang mit der Geschichte in Deutschland" | 2014

Observe the past, but see the future

Feedback der Teilnehmer. Von Sebastian Blottner

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs jährt sich 2014 zum 100., der des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Diese Jubiläen waren Anlass, einer international zusammengesetzten Gruppe von Historikern, Museumsfachleuten und Journalisten auf einer Themenreise zu zeigen, wie die Bundesrepublik Deutschland dieser Ereignisse gedenkt und welche Konsequenzen aus der Geschichte gezogen worden sind hinsichtlich der europäischen Integration und der Ausrichtung der deutschen Bildungs- und Außenpolitik.

Das Programm beinhaltete eine große Bandbreite an Themen: Museumsbesuche, historische Führungen durch Archive und Denkmalsbesichtigungen, Gespräche mit zivilgesellschaftlichen Akteuren wie dem Verein für Kriegsgräberfürsorge oder dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, Treffen mit Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes und anderer Ministerien, mit Experten wie Egon Bahr oder Helga Spranger vom Verein Kriegskind e. V. sowie etliche Besuche in wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen und Instituten.

"I was surprised by the variety of the programme. The level of the meetings was very high. Also the level of the participants was very high and I have made a lot of professional contacts." (Paloma Almudena Ortiz de Urbina Sobrino, Universität Alcalá de Henares in Madrid)

"From many angles the programme was very productive and the agenda was very well done, really balanced and very diverse, which was very helpful for us to see, where the problematic parts in the history for Germany are." (Hayk Demoyan, armenisches Genozidmuseums und -instituts)

Neben den unterschiedlich gestreuten Interessen von beispielweise Journalisten oder Museumsmitarbeitern fiel deutlich auf, dass im Ausland relativ unbekannte Organisationen wie die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) oder das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) mit ihrer Arbeit besonders viel Erstaunen auslösten, wie es Jens Carl Kirchmeier-Andersen, Nationalmuseum Dänemark, zum Ausdruck brachte. "We have visited a lot of institutions dealing with things that I didn't know before you were doing in Germany, very good things. The best example maybe is the Bundeszentrale für politische Bildung. I was very surprised about that. I was also very impressed hearing about the Deutsch-Französisches Jugendwerk." 

In Estland etwa sei eine Institution wie das DFJW bisher nicht vorstellbar, bedauerte Olev Liivik, Estnisches Geschichtsmuseum: "If I see within Estonia our Russian community, we need such a new approach to handle this community and to explain our aims in national policy." Mehrere Teilnehmer zeigten sich beeindruckt von dem Konzept der BpB, die unabhängige Publikationen zu erschwinglichen Preisen veröffentlicht und seriöse Forschung für die allgemeine Bildungsarbeit zugänglich macht.

Dass es aufgrund der nationalen Erfahrungen eine spezifisch deutsche Perspektive auf die europäische Geschichte und den Ersten Weltkrieg gibt und sich die deutsche Erinnerungskultur in wesentlichen Grundzügen von der Frankreichs oder Großbritanniens unterscheidet, wurde bereits während des ersten Gespräches mit dem ehemaligen Parlamentsabgeordneten Patrick Kurth (FDP) deutlich. Er verwies darauf, dass der Erste Weltkrieg als "Urkatastrophe" des vergangenen Jahrhunderts oder "The Great War" im kollektiven Bewusstsein anderswo viel präsenter ist, während in der deutschen Geschichtsschreibung das Dritte Reich den Ersten Weltkrieg überschattet, oftmals sogar lediglich als eine Art Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg gesehen wird.

"There's a lot of things I learned I didn't expect, such in terms of commemoration. A lot of the big countries are centrally focused which I didn't anticipate." (James Whitham, Kanadisches Kriegsmuseum)

Der in Deutschland gepflegte Stil von Aufarbeitung und Erinnerung rief auf breiter Front Interesse und Anerkennung hervor. István Zoltán Szecsey, ungarisches Verteidigungsministerium, zeigte sich beispielsweise überzeugt, dass vieles, was er in Deutschland kennenlernen konnte, in Ungarn heutzutage undenkbar wäre. "This was my first time in Germany. I take a lot of things home with me, I can't count. You have a different kind of view of history and memory. Your monuments, your foundations, your museums are very interesting. What I've seen here gets me to a whole new level of thinking. I most liked the Holocaust memorial and the memorial of the book burning because of the perspective and the way of how you get in touch with your past."

Während zu der temporären Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin "Der Erste Weltkrieg" in der Diskussion mit dem Kurator Andreas Mix noch relativ viele kritische Fragen fielen (Wo ist Serbien?, Wo ist Adolf Hitler?, Warum fehlt das Osmanische Reich als wichtiger Verbündeter von Deutschland?), zählte der Besuch des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden für viele zu den Highlights der Woche:

"The museum in Dresden was very professionally done and I consider it to be the best temporary exhibition I've ever seen in Germany." (Olev Liivik)

"For me it was very interesting to visit the museums because in my country the museums are very conservative, especially museums devoted to the history or World War 2. I have seen some very good examples here how to organize exhibitions, especially in Dresden." (Aliaksei Bratachkin, Internetzeitung "Neues Europa", Weißrussland)

"I knew before coming here, that the Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam and the museum in Dresden were doing a very fine job. Still I was impressed by the work they do." (Jens Carl Kirchmeier-Andersen)

Das Expertengespräch mit Egon Bahr war ein Höhepunkt. Was ein erfahrener Politiker wie Bahr in anderthalb Stunden erzählten konnte, lohnte für viele schon die Reise nach Berlin. Dass er die Qualität der an ihn gerichteten Fragen lobte (auf die selbst er nicht immer eine Antwort hatte), sprach für das fachliche Niveau der angereisten Delegation. Als ein wichtiges Ergebnis der Reise beschrieben etliche Teilnehmer das Networking sowohl mit den Gesprächspartnern als auch untereinander. In Anbetracht der international gerade aktuellen Thematik ergaben sich wertvolle Kontakte und Ideen für die Arbeit der Teilnehmer in ihren Heimatländern, zukünftige Kooperationen und weiterführende Projekte. James Whitham beschrieb dies gar als den wichtigsten Effekt des Programms.

"As a country, as a nation Canada has to maybe work harder to establish better partnerships. Throughout the week I have actually established a number of different projects and initiatives. It's enlightened me as to where Canada fits into the international spectrum and it allowed me to establish networks for the Canadian War Museum to gain a greater presence in the international scene. It will never be one of the big players, but with the connections made through this week I hope we become a group of interest."

"To say in three words what I took from the program – it's new visions, ideas and plans. On the spot I made sketches on possible books and dissertations and exhibitions." (Hayk Demoyan)

Die teilnehmenden Journalisten bezeugten einhellig, mehr als genug Stoff für Publikationen und Artikel bekommen zu haben. Die südkoreanische Journalistin Madi Yoo zeigte sich äußerst inspiriert durch die unterschiedlichen Perspektiven, die es in Asien und Europa im Blick auf die großen Kriege des 20. Jahrhunderts gibt. "How Europeans deal with history is very important knowledge for me. I will write a few articles about the different perspectives in Asia and Europe on history."

"Having come here I have a precise story to tell as a journalist and to this all meetings contributed." (Konstantin von Eggert, Radio Kommersant, Russland)

Ein wichtiger Punkt, der in vielen Kommentaren anklingt, war die Erkenntnis, mit welcher Zielsetzung Erinnerungsarbeit in Deutschland betrieben wird. Für Teilnehmer aus Asien beispielsweise war allein die Tatsache, dass überhaupt so viel über die Vergangenheit geredet wird, schon bemerkenswert, wie Shota Kobayashi, Journalist der japanischen Tageszeitung "Nikkei" anmerkte. "The most surprising thing for me was the intention of the German people not to forget about World War 1 and 2, the intention of memorizing what happened."

Auch Saad Bashir Eskander, irakisches Nationalbibliothek und -archiv, kennt aus seinem Heimatland eine Mentalität, die eine notwendige Aufarbeitung der Geschichte eher verhindert. "Germany in many ways is a role model dealing with the past. For example, in Iraq we are afraid of talking frankly about the past. When we talk, we are polarized, left or right, there is no common ground. We don't agree like you do it here. Almost all agree on how to overcome that. Maybe we are ashamed on the inside to shed light on the crimes we committed. Instead of solving the problem of division we created more. We need some sort of forgiveness and dialogue."

Anstatt Versöhnung und aktiver Dialoge überwiegt in vielen Herkunftsländern der Teilnehmer, wie dem Irak, bis heute eine eher öffentliche Geschichtsschreibung. Wie dies zu ändern wäre, dafür gab die Reise viele Anstöße. Dazu noch einmal Saad Bashir Eskander: "I knew that Germany deals well with the past but I needed some more practical and direct information to make the most of this opportunity. In the Middle East as a region there are a lot of similarities, racist policies, wars, invasions, so Germany for me has been very important in terms of how to deal with the past and how to get over the wounds of the past and build a better future. That was for me important."

Es stellte sich natürlich generell die Frage, ob Deutschland eine Vorbildfunktion für andere Länder ausüben könne, was viele Teilnehmer bejahten. Von der Geschichte zu lernen, anstatt sie nur auszustellen, war für den Chefhistoriker des neuseeländischen Ministeriums für Kultur und Kulturerbe, Neill Brent Atkinson, diesbezüglich ein wichtiger Aspekt. "We tend to focus more on the past rather than what it means today. Which is in some ways a quite conservative form of commemoration."

Als wichtiger Teil der Erinnerungskultur in Deutschland wurde übereinstimmend ein breiter gesellschaftlicher Konsens ausgemacht – Voraussetzung für bestimmte Debatten und in vielen Ländern keineswegs eine Selbstverständlichkeit, wie Tatiana Nekrasova, Lomonossow-Universität Moskau, im Vergleich zu Russland zog: "I work the topic of German memorial policy quite a long time, it's not that I didn't know things before. But still the trip was very useful for me because I got an understanding of the sources and where it all comes from and that the whole society is involved in this process of keeping memory. The important question is how the consensus is achieved. We have problematic points, too, but we have no achievements to make consensus about it. Just different opinions."

Tomás Bouška, Shoa-Gedenkstätte in Prag-Bubny deutete an, wie sehr das Programm der Horizonterweiterung diente – "After this trip I understand that the past of the whole past one hundred years are a big issue for Germany, not only the Second World War" – und James Whitham brachte noch einmal den großen historischen Kontext ins Spiel, vor dem ein wichtiges Kapitel der jüngsten europäischen Geschichte aus deutscher Sicht verhandelt worden war: "The End of the First World War created so many of the countries here today represented at our table. A lot of these places weren't existing beforehand. But they still have hundreds of years of history."

Diese Geschichte wird die Verständigung über den Umgang mit ihr auch in Zukunft notwendig und spannend machen, wozu Deutschland mit seinen Erfahrungen offensichtlich viel beizutragen hat, soviel ist ihrem Feedback zufolge allen Teilnehmern auf dieser Themenreise deutlich geworden. Wie überaus wichtig, geradezu lebensnotwendig für kommende Generationen diese Verständigung über die Geschichte ist, fasste Ion Ionitá, Chefredakteur von "Historia" und Journalist aus Rumänien zusammen: "We have to keep memories. We have to find ways to attract new generations to be interested in the past but also looking into the future. This is very important – to observe the past but to see the future. I think this is the message of Germany today."