Themenreise "Deutschlands Umgang mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts" | 2015

Narben des Krieges

70 Jahre nach Kriegsende stellt sich Deutschland seiner Verantwortung für die Gräueltaten des zweiten Weltkrieges

Von Roberto Pombo, El Tiempo

Roberto Pombo, Generaldirektor der kolombianischen Tageszeitung El Tiempo, nahm in Deutschland an Gedenkveranstaltungen und Gesprächen mit Politikern und Wissenschaftlern zum Ende des zweiten Weltkriegs im Mai 1945 teil.

Deutschland: Niederlage und Befreiung

Niederlage. Befreiung. Neuanfang. Diese drei einfachen, aber dennoch prägnanten Begriffe wurden vom Deutschen Historischen Museum für den Titel einer Ausstellung zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren ausgewählt. Sie drücken die Unmenschlichkeit, die Ungerechtigkeit, den Tod, die Niederlage, die schwere Bürde der historischen Schuld und die Schwierigkeiten des deutschen Volkes aus, der Zukunft gerecht zu werden – angesichts der Last, mit dem Nationalsozialismus das wohl größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit aller Zeiten begangen zu haben: den Holocaust.

Ganz Deutschland ist ein Museum. In den Straßen und Parks aller Städte gibt es Ausstellungen, Skulpturen, die Szenen von Gewalt, Schmerz und Tod darstellen. Und auch Symbole der Einheit und Versöhnung, da das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs von Erinnerungen an den Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 begleitet wird. Von Erinnerungen an den Krieg, die Niederlage, die Teilung Deutschlands durch die USA und die Sowjetunion, den 45 lange Jahre dauernden Kalten Krieg und schließlich die Wiedervereinigung und die gesamte Diskussion zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Und an diesem Punkt befinden wir uns nun hier in Berlin, in Gedenken an das Ende des Krieges. EL TIEMPO ist der Einladung der deutschen Regierung gefolgt, an den Gedenkveranstaltungen zu den Ereignissen des Juni 1945 teilzunehmen und sich an Gesprächen zu beteiligen, die Politiker, Wissenschaftler, Soziologen, Psychologen und Historiker 70 Jahre nach Kriegsende über Deutschland führen.

Vom ersten Moment an wird klar, dass die Deutschen nichts zu verbergen suchen. In keiner der Ausstellungen und Veranstaltungen zur Rolle des deutschen Nationalsozialismus jener Jahre wird auch nur die kleinste Einzelheit zu den verübten Verbrechen vorenthalten.

"Hier geht es darum, der Bestie bei der Aufarbeitung der Vergangenheit direkt in die Augen zu schauen."

Wir sehen Zahlen (und Fotografien!) zu überfüllten Zügen mit von Angst gezeichneten Gefangenen auf dem Transport in die Konzentrationslager, Erläuterungen zu Erniedrigungs- und Vernichtungsmethoden und die möglichen Gründe für die Auswahl ähnlicher Verfahren. Keine Frage bleibt unbeantwortet oder unkommentiert, egal wie aggressiv sie gestellt wurde. Stets erhalten wir eine rationale und ruhige Antwort, die – wir befinden uns schließlich in Deutschland – auf zuverlässigen und überprüfbaren Daten beruht. Hier geht es darum, der Bestie bei der Aufarbeitung der Vergangenheit direkt in die Augen zu schauen.

Die sechzig Millionen Toten, von denen 10 Millionen auf deutschem Boden fielen, stehen im Mittelpunkt des Gedenkens. Denn sie sind die Opfer. Die im wahrsten Sinne des Wortes zu Bergen aufgeschichteten sterblichen Überreste jüdischer Bürger, die zunächst versklavt und dann vernichtet wurden, aus dem einzigen Grund, dass sie Juden waren. In dieser historischen Erinnerung sind jedoch auch die Millionen Deutschen sehr präsent, die inhaftiert und ermordet wurden, weil sie Homosexuelle, Sinti oder Roma, Kommunisten, politische Widerstandskämpfer oder psychisch krank waren. Das Gedenken gilt auch den Millionen von Kriegsgefangenen der russischen Armee, die dasselbe Schicksal erleiden mussten. Der Besuch des Konzentrations- und Vernichtungslagers Sachsenhausen, ein riesiger Militärkomplex am Stadtrand von Berlin, der 1936 auf Befehl von Heinrich Himmler erbaut wurde, ist eine erschütternde Erfahrung.

"Es ist unmöglich, die Opfer des Nationalsozialismus nicht zu sehen."

Im Detail werden Folter, Demütigungen, Hinrichtungen durch Erschießung, Schläge, durch Vergiftung in den Gaskammern oder Verbrennung in den Krematorien dokumentiert. "Einer der traurigsten Aspekte des militärischen Wagnisses, das die Nationalsozialisten mit diesem Krieg eingingen, besteht darin, dass das System nur in einer einzigen Hinsicht effizient war: nämlich bei der Massenvernichtung wehrloser, unschuldiger Menschen", erläutert Hans-Georg Golz, Leiter der Bundeszentrale für Politische Bildung. Und er fügt hinzu: "Deutschland hat sich entschieden, sich seiner Vergangenheit zu stellen, indem es der eigenen Verbrechen gedenkt." Die Erinnerung an diese enorme Zahl an Opfern ist überall präsent. Ganze Museen voller Fotografien und Informationen, Gedenktafeln an Mauern öffentlicher Gebäude, sogar kleine, in den Gehwegen vor den Häusern eingelassene Gedenksteine, mit denen die Familien an ihre Toten erinnern, Fernsehsendungen und Kinofilme, Veröffentlichungen in gedruckter Form... Es ist unmöglich, die Opfer des Nationalsozialismus nicht zu sehen. Aber diese Gesellschaft erkennt nicht nur diejenigen als Opfer an, die unter Hitlers Schreckensherrschaft gelitten haben.

Die gesellschaftliche Katharsis der Deutschen als Tätervolk, die nach Ansicht Vieler erst 1968 im Zuge der allgemeinen Aufarbeitungsbestrebungen der Nachkriegsgeneration auf der ganzen Welt begann, bedeutet damals wie heute eine schwere Last für die gesamte deutsche Gesellschaft, da sie die Annahme einer kollektiven Schuld als Nation, jedoch nicht durch unbeteiligte Einzelne, impliziert. "In gewisser Weise", bestätigt der Berliner Historiker Martin Bayer, "sind alle Deutschen Opfer." Auch die Neurologin und Psychologin Dr. Helga Spranger, die im Konzentrationslager zur Welt kam, äußert sich zu diesem Punkt: "Alle Deutschen sind von dieser gewaltbelasteten Vergangenheit betroffen, aber den Nachgeborenen der Opfer geht es dabei besser als den Nachgeborenen der Täter."

Und vielleicht deshalb wird bei den Gedenkfeiern zum Kriegsende die Ehrung der Stadt Dresden nicht vergessen, die von den Alliierten fast bis zur vollständigen Zerstörung bombardiert und zu einem Symbol für die deutschen Opfer wurde. In Dresden finden zurzeit beeindruckende Gedenkausstellungen und Veranstaltungen zum Luftangriff im Februar 1945 statt, als der Krieg schon fast vorbei war und die Kriegsgeschwader aus der Luft in vier Angriffswellen fast 4.000 Tonnen Bomben über der Stadt abwarfen, ohne zwischen Militäreinrichtungen und zivilen Zielen zu unterscheiden. Es starben ca. 35.000 Menschen. Dresden war bereits seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts berühmt für seine Schönheit und die Kühnheit seiner Architektur. 1920 richtete die Stadt eine internationale Ausstellung mit dem Titel "Dresden, die Stadt der Zukunft" aus. Doch Wirtschaftskrise, Nationalsozialismus, Bücherverbrennung und Repression machten nicht einmal vor Dresden halt –  ebenso wenig wie der Krieg.

"Damals ahnten wir noch nicht, dass sich unsere Stadt in das Guernica von 1945 verwandeln würde."

Der Krieg traf Dresden aufgrund seiner geografischen Lage – weit entfernt von der Küste – jedoch zunächst nicht mit voller Wucht. Die britische Luftwaffe verfügte nicht über ausreichend Treibstoff, um bis nach Dresden zu fliegen, dort aus der Luft anzugreifen und anschließend wieder nach Großbritannien zurückzukehren. Daher fühlte sich Dresden nicht nur als Stadt der Schönen Künste, sondern auch als sicherer Ort. "Von hier aus beweinten die Dresdner die furchtbaren Bombardierungen von Guernica und London. Damals ahnten wir noch nicht, dass sich unsere Stadt in das Guernica von 1945 verwandeln würde", berichtet Oberst Dr. Matthias Rogg, Leiter des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Die Bombardierung Dresdens war ein reiner Vergeltungsschlag gegen die Deutschen, als der Krieg militärisch bereits entschieden war und sein Ende unmittelbar bevorstand. Der britische Historiker und Leiter des Imperial War Museum in London, Prof. James Taylor, ebenfalls Teilnehmer unserer Delegation, äußert sich dazu wie folgt: "Die Beteiligung Großbritanniens am Zweiten Weltkrieg glich einem perfekt geschriebenen Drehbuch – mit Ausnahme der Bombardierung dieser Stadt." Der Wiederaufbau Dresdens wurde gleichsam zu einer Ära der Reflexion und des Optimismus, der Tragik und der Hoffnung.

Der besorgte Blick der deutschen Historiker auf die Geschehnisse jener Zeit hängt hauptsächlich mit der Tatsache zusammen, dass der barbarische Feldzug Adolf Hitlers und seiner politischen Verbündeten massiv durch die Bevölkerung gestützt wurde: Die NSDAP hatte in der Spitze acht Millionen Mitglieder. Diese Popularität erklärt sich durch die messianischen Botschaften des Nationalsozialismus an ein nach dem Ersten Weltkrieg niedergeschlagenes und schwer getroffenes Volk, das die schier unmöglichen Bedingungen des Friedensvertrags von Versailles zu erfüllen hatte und sich in einer sehr prekären wirtschaftlichen Lage befand. Die Sorge all jener, die sich in der Gegenwart mit dem Thema beschäftigen, gilt den gefährlichen Parallelen zur Gegenwart: Wieder befindet sich Europa in einer Wirtschaftskrise, die politischen Parteien zeigen einen Mangel an Führungsstärke und es entstehen Bewegungen, die Neonazi-, ausländerfeindliche und rassistische Züge tragen, scharfen Antiislamismus zeigen und sich gegen die Migrationsströme aus der Dritten Welt wenden. Um ein Beispiel zu nennen: Zu Beginn dieses Jahres fand in Dresden eine stark frequentierte Demonstration der Gruppe Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA) statt, einer Organisation, die inzwischen – beunruhigenderweise – wie eine politische Partei auftritt.

All diese Diskussionspunkte wurden auf brilliante Weise durch den renommierten deutschen Historiker Dr. Heinrich Winkler ausgeführt, der die Hauptrede bei der offiziellen Gedenkveranstaltung zum Kriegsende im prächtigen Reichstagsgebäude hielt. In seiner Rede verwies Dr. Winkler vielfach auf den Holocaust als wichtigstes Ereignis in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, dessen Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen sei. Zudem betonte er, die Taten der Nationalsozialisten könnten inzwischen nicht mehr als Rechtfertigung dafür dienen, dass Deutschland sich nicht an den wichtigsten Entscheidungen der Gegenwart beteilige. Dr. Winkler endete mit einigen Überlegungen dazu, wie sich künftige Generationen der Deutschen in Bezug auf die Vergangenheit verhalten sollten: "Niemand erwartet von den Nachgeborenen, dass sie sich schuldig fühlen für Taten, die lange vor ihrer Geburt im Namen Deutschlands begangen wurden. Aber man muss sich der Vergangenheit gemeinsam stellen, da die Nachkommen der Opfer niemals vergessen werden."

In Zusammenfassung dieser Reise nach Deutschland zum Gedenken des Kriegsendes vor 70 Jahren sind mir vor allem die Zitate zweier großer deutscher Schriftsteller in Erinnerung geblieben, die Dr. Winkler in seiner Rede verwendete. Beide spiegeln perfekt die Stimmung wider, die heute in der Luft liegt. Das erste stammt von Heinrich Böll: "Als ich erfuhr, dass der Krieg zu Ende war, wusste ich auch, dass der Krieg niemals zu Ende sein würde, niemals, solange noch irgendwo eine Wunde blutete, die er geschlagen hatte." Das andere ist von Thomas Mann und stammt aus dem Juni 1945: "Es wird sehr lange dauern, bis Deutschland seine Menschlichkeit wiedergefunden hat." Möglicherweise ist dieser Moment nun gekommen.

Artikel im Original

Roberto Pombo: Alemania. Derrota y liberación. – In: El Tiempo, 12 de agosto de 2015