Themenreise "Netzpolitik" | 2014

Secure freedom of expression and democracy

Feedback der Teilnehmer. Von Sebastian Blottner

Datensicherheit, Internetkriminalität und Cyberkriege, das Recht auf persönliche Freiheiten und die vom digitalen Wandel ausgehenden Bedrohungen für die Grundrechte und die Demokratie sind brisante Themen, angesichts derer die deutsche Netzpolitik derzeit neu aufgerollt wird.
Eine "digitale Agenda" soll umfassend Reformen vorantreiben helfen. Aktualität und Bedeutung des damit verbundenen Themenkomplexes waren der Anlass,einer internationalen Gruppe von Bloggern, klassischen Journalisten und Medienwissenschaftlern aus Transformationsländern, in denen keine bzw. nur eingeschränkte Pressefreiheit herrscht, auf einer Besucherreise die Ansätze deutscher Netzpolitik und den zivilgesellschaftlichen Umgang mit Fragen zur Digitalisierung darzustellen.
Die Themenreise ermöglichte es, Kontakte zu knüpfen, und Gespräche zu Aspekten des internationalen Engagements der Bundesrepublik Deutschland in der Netzpolitik sowie in innenpolitischer Gewährleistung zu führen. Zudem umfasste die Reise Gesprächsrunden im Auswärtigen Amt, im neuen Ausschuss Digitale Agenda des Deutschen Bundestages und im Innenministerium, Treffen mit IT-Sicherheitsexperten, Verbraucherschützern und diversen Nichtregierungsorganisationen.

Ein Ziel des Programms war es, die Teilnehmer für die mit der fortschreitenden Digitalisierung einhergehenden politischen Veränderungen zu sensibilisieren,seien es die drohende Überwachung durch allmächtige Dienste oder neue Formen demokratischer Beteiligung und zivilgesellschaftlichen Engagements. Überaus schnell wurde in den Diskussionen der Teilnehmer deutlich, dass Sorgen und Skepsis der Deutschen im internationalen Vergleich besonders ausgeprägt sind, während in vielen Ländern nicht einmal der Beginn einer Debatte über eine sinnvolle Netzpolitik in Sicht ist.

Dies ist insofern erstaunlich, als viele der auf der Reise vertretenen Transformationsländer einen Entwicklungssprung direkt ins Internetzeitalter hinter sich haben, in denen die Nutzung sozialer Netzwerke mitunter noch verbreiteter ist als in Industrieländern. "I didn't know about the big data and cyber security issue before. That was very interesting for me. For our work at home the copyright issues were the most important thing", stellte Saroj Singh, Redakteurin beim Times InternetService in Indien, fest.

"Regarding the internet world you have a large scope of values and the most common and the most precious thing that could inspire us is the data protection law that you cherish a lot. It is not implemented yet in our countries and we need to work on that." (Dhouha Ben Youssef, Bloggerin, Tunesien)

Im Vergleich mit seinem Heimatland Jordanien, beurteilte der Freelancer und Blogger Ahmad Monther Mohammad Almomani die Lage in Deutschland immer noch als ziemlich rosig. "Here they are doing great work for the security policy for German people. We have no such thing in Jordan." Diesbezüglich rief der Besuch im Innenministerium Erstaunen allein deshalb hervor, weil dort dezidierte Ansätze für eine Netzpolitik ausgearbeitet werden.

Es ist natürlich nicht so, dass ein Interesse an der Regulierung des Internets seitens der Regierung den Teilnehmern grundsätzlich unbekannt wäre. Allerdingsist die Stoßrichtung deutscher Politik eine grundlegend andere. Insbesondere die Innenministerien von Heimatländern etlicher Teilnehmer im Gegensatz dazu direkte Gegenspieler unabhängiger Journalisten und Blogger.

"Here in Germany there is genuine interest. In Azerbaijan the interest is kind of twisted because it has bad intentions. If they want to have modern internet, it's because they want surveillance and to know what people are doing,” brachte es Arzu Geybullayeva, Journalistin aus Aserbaidschan, auf den Punkt.

"Your way of interacting with the government and the federal institutions is really different from countries like mine", äußerte sich auch Dhouha Ben Youssef in diesem Zusammenhang. "When we visited the ministry of the interior, this openness is really something to keep in mind once we go back to our countries and try to push our governments for more openness and transparency. If we can."

Weil die Regulierung des Internets in den meisten Herkunftsländern der Teilnehmer, sofern sie überhaupt stattfindet, eher der staatlichen Kontrolle von Opposition gilt, haben sich viele Blogger einen Denkansatz zu eigen gemacht, der auf völlige "Freiheit" im Netz abzielt. Das dies nicht der Weisheit letzter Schluss sein muss, kristallisierte sich während des Programms immer deutlicher heraus. "I come from a very libertarian background. Seen Germanys past I realisethat people are willing to give up absolute freedoms which could be on a black and white scale seen as censorship but is here more understood as limitation of certain types of hate speech, learning from various experiences and learning from the hurt that has happened in the history of a country. I still see certain kind of censorship in Germany but I understand the need of it.” (Blogger aus Sri Lanka)

"For me personally the most important thing was, to see how data protection and freedom of information can be controversial and that it is almost impossible to find a global balance for this two rights." (Ágnes Urbán, Corvinus-Universität Budapest)

Der palästinensische Blogger Ziad Abu Zayyad bemerkte außerdem folgendes: "I did not expect the German people in general to be still connected deeply to the near past. At the same time the German government tries to make the internet more useful for the people", und in dieser Bemerkung wird deutlich, wie sehr die historischen Erfahrungen mit Überwachungsregimen einen wesentlichen Impuls für die kritischen Diskussionen in Deutschland darstellen. Immer wieder tauchte in den Diskussionen die potenzielle Bedrohung durch Google, stellvertretend genannt für die privaten Datenkraken, auf. Auch diese wurden von vielen Teilnehmern noch kaum als Problem wahrgenommen.

"There are two main takeaways that I have from the program in comparison with my country, how concerned the German people are about privacy and how they make a difference between states surveillance and private companies", kommentierte ein Blogger aus Sri Lanka.

Für viele waren die Gespräche untereinander ein ganz wesentlicher Bestandteil der positiven Erfahrungen in Deutschland. "One of the best things I could get from this program is that I could get in touch with people from different cultures from around the world. It was very important for me to learn from Russia or from Azerbaijan, it seems that they are experiencing the same problems that we in Angola have, of autocratic regimes," sagte Kady Mixinge, ein Blogbetreiber aus Angola.

MoiyenZalal Chowdhury, Blogger aus Bangladesch, sah es genauso: "The most important about this trip for me is first of all the diversity of the group, we had lots of lots of things to learn. I realized that every context is so different."

"From this group and from this trip we should make kind of a global diversified collaboratio nto make a really global network. This could also have an impact on the security ofthe bloggers." (Moiyen Zalal Chowdhury)

Neben der Vernetzung der unterschiedlichsten Akteure untereinander war die inhaltliche Bandbreite des Programms vor Ort ein Punkt vielfachen Lobes. "Igot the chance to learn a lot about the govermental point of view on the cyber war and internet in general and at the same time what people think about it so it was a very successful workshop for me" meinte auch Ziad Abu Zayyad.

"The most astounding to me was that the German Government organises the programmeand we could still meet a lot of speakers of the civil society. The South Korean Government wouldn’t do that." (Kyung Young Choi, Korean Center of Investigative Journalism)

Einmal angerissen, trafen all die Fragen bezüglich informeller und persönlicher Sicherheit im Netz auf reges Interesse bei den Bloggern. Technische Hilfestellungen wie die durch Daniel O'Clunaigh vom Verein Tactical Technology Collective oder Warnungen wie von IT-Sicherheitsforscher Dr. Sandro Gaycken trugen sichtbar dazu bei, die Teilnehmer für die vielfältigen sie betreffenden Aspekte zu sensibilisieren.

"I got a vision of what might be installed for us in the future regarding security, privacy and things like that. It is high time that we start to think about this, how to deal with this and how to balance the crisis. So this program gave me a diverse kind of perspective and kind of warned me, to take it seriously. And that blogging can be taken to a total different level." (Trishia Nashtaran, Bloggerin, Bangladesch)

"According to our contexts we can maybe implement some ideas we took from here, for example about the data protection laws. Things like data protection laws don't exist in Angola, yet", resümierte Kady Mixinge nach der Reise.

Die Tatsache, dass an einer digitalen Agenda mit Hochdruck gearbeitet wird und sowohl die Politik als auch diverse zivilgesellschaftliche Organisationen in den andauernden Klärungsprozess rund um die digitale Agenda einbezogen sind und sich teilweise ungemein engagieren, war für alle Teilnehmer eine wenn nicht neue, so doch beeindruckende und wohl auch die wesentliche Erfahrung.

Aus Aserbaidschan kennt Arzu Geybullayeva so etwas nicht: "To see from the perspective of the government, how they work on the digital agenda, how much involved they are and how much interested they are, that was the most interesting part. That's unique. And also to see how the civil society is involved."

Stellvertretend dafür, wie sich fast alle Teilnehmer vom Zusammenspiel der gesellschaftlichen Akteure beeindruckt zeigten, sei abschließend Moiyen Zalal Chowdhury zitiert: "The combination that you have here of the government and the private sector to secure freedom of expression and democracy is good and fascinating."

Aus diesen Worten spricht sehr deutlich die Erkenntnis, warum eine "digitale Agenda" so wichtig ist – es geht um den Schutz von Meinungsvielfalt und Demokratie.