Themenreise "Deutschlands Umgang mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts" | 2015

Deutschland 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs

Nach der Niederlage der NS-Herrschaft 1945 schlug Deutschland den Weg der Demokratie ein. Das Land hat sich um die Aussöhnung mit den Opfern bemüht, damit sich die Geschichte nie mehr wiederholt.

Von Karina García

Manche Länder weigern sich, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Nicht so Deutschland. Für die Menschen dieses europäischen Landes ist es wichtig, dass die Welt seine Geschichte kennt. Nicht nur als Teil des Aussöhnungsprozesses mit den Opfern des Nationalsozialismus, sondern auch, damit sich eine ähnliche Diktatur niemals wiederholt.

Auch wenn der Weg nicht einfach war, sind die Fortschritte deutlich erkennbar. Die Zeitung MAS! konnte die Städte Berlin und Dresden als Teil des Besucherprogramms der Bundesregierung "Deutschlands Umgang mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts" im Rahmen der Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkrieges besuchen, das vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) organisiert und vom Auswärtigen Amt finanziert wurde.

Verantwortung für die Vergangenheit

Laut Martina Fischer von der Stiftung Berghof musste sich Deutschland verschiedenen Herausforderungen bewältigen: zwei Weltkriege, die Aufarbeitung der Verbrechen des Nazi-Regimes, die Aussöhnung mit den anderen Ländern und die Wiedervereinigung. Auch wenn die ersten Schritte auf Druck von außen geschahen, etwa durch die Nürnberger Prozesse von 1945 und 1946, bei denen Offiziere und Kollaborateure von Adolf Hitler verurteilt wurden, haben die Deutschen Anstrengungen unternommen, Verantwortung für ihre Vergangenheit zu übernehmen und den Antisemitismus zu bekämpfen.

Aus den ehemaligen Tabuthemen entstand Ende der 1960er Jahre in den Schulen ein kritischer Umgang mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust als Teil der deutschen Geschichte. Das Land öffnete sich zudem für die Errichtung von Denkmälern zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Museen und Dokumentationszentren entstanden, die sich schonungslos mit den Verbrechen des Dritten Reichs in Europa beschäftigen, etwa das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, die Topographie des Terrors oder das Deutsche Historische Museum in Berlin.

Für Helga Spranger ist das Gespräch über die Vergangenheit eine Voraussetzung dafür, sich den Traumata des Krieges stellen zu können. "Es ist nicht wichtig, ob es Tage, Monate oder Jahre dauert...einige Deutsche brauchten 30 Jahre, um sich der Geschehnisse bewusst zu werden, und weitere 30 Jahre, um darüber sprechen zu können. Es ist wichtig, über diese Erlebnisse zu sprechen, um den Heilungsprozess in Gang zu setzen", hebt die Psychotherapeutin hervor.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden viele Fälle von Depressionen, psychischen und psychosomatischen Erkrankungen verzeichnet, berichtet die Expertin. "Wenn diese Erkrankungen nicht behandelt werden, werden sie auf die nächste Generation übertragen, und es entsteht eine kranke Gesellschaft, die die Krankheit stets von Neuem wiederholt", erläutert die Gründerin von Act-War Children.

Historische Rede: Merkels Ansprache vor der Knesset

Laut Spranger bedeutet der Prozess der Bewusstwerdung, Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen. Genau das habe Deutschland getan – sogar auf der politischen Führungsebene. In einem historischen Akt wandte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2008 an das israelische Parlament und bat um Vergebung für die Verbrechen des Nationalsozialismus. "Der Holocaust erfüllt uns Deutsche mit Scham. Ich verneige mich vor ... den Überlebenden", sagte sie damals.

Doch auch wenn es bereits seit Jahren einen Prozess der Aussöhnung gibt, der auch politisch unterstützt wird, bleibt für Fischer noch viel zu tun. "Wir befinden uns in einem fortlaufenden Prozess", sagt sie und erinnert daran, dass der 93-jährige Oskar Gröning derzeit vor Gericht steht, weil er in der Lagerverwaltung des Konzentrationslagers Auschwitz tätig war.

Hans-Georg Golz von der Bundeszentrale für Politische Bildung erinnerte daran, dass der Nationalismus "stets ein aktuelles Diskussionsthema bleiben muss" – auch wenn die Zeit vergeht. Losungen wie "niemals vergessen" oder "niemals wieder" seien nicht ausreichend. "Wir brauchen Politiker, die Schlimmes verhindern, Gutes fördern und sich für den Pluralismus nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt einsetzen."

Bewahren der Erinnerung

Für Beobachter und Experten ist es entscheidend, dass kommende Generationen erfahren, was geschehen ist. "Die Geschichte wird oft vergessen...es ist aber wichtig zu wissen, woher wir kommen, warum wir hier sind und warum unsere Gesellschaft so ist, wie sie jetzt ist", hebt der Journalist Martin Bayer hervor. "Die Nachgeborenen tragen keine Schuld an den Ereignissen der Vergangenheit, aber sie sind dennoch verantwortlich für eine bessere Zukunft", bekräftigt Robert Erb, Geschäftsführer des deutsch-polnischen Jugendwerks.

Deutschlands ist heute eine bedeutende Wirtschaftsmacht mit einer starken demokratischen Präsenz. Am Beispiel dieses Landes, das am vergangenen 8. Mai das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren feierte, sollten sich diejenigen Länder orientieren, deren Geschichte ebenfalls durch zivile und militärische Konflikte gekennzeichnet ist, damit die Wunden auch ihrer Bevölkerung heilen können und die Menschen sich dem Aufbau einer besseren Zukunft zuwenden können.