Themenreise "Deutschlands Umgang mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts" | Mai 2015, Berlin/Dresden 

An example for everyone

Feedback der Teilnehmer. Von Sebastian Blottner

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland informierten sich Journalisten, Museumsfachleute, Dozenten und Hochschulprofessoren über die Erinnerungskultur in Deutschland. Von der offiziellen Gedenkstunde im Bundestag, über die Feierstunde am Holocaustmahnmal bis hin zur Führung durch das "lebendige Museum Berlin" bot das Programm viele Gelegenheiten, dem Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte nachzuspüren. Das Feedback der Teilnehmer, Multiplikatoren aus dem akademischen und publizistischen Bereich, fiel positiv aus.

"I was fascinated with the measures that have been taken in the education, in artistic programs but also at the political level, how the government delegated powers to civil society in order to dealing with the past", sagte Remzije Istrefi Peci, Assistant Professor an der Universität Priština. 

Viele Teilnehmer hoben die Ausgewogenheit und inhaltliche Strukturierung des Programms hervor. "The programme is very well prepared because it focused on various topics and various angles", sagte der Historiker Bojan Godesa aus Slowenien. Ähnlich sah es die Historikerin Yih-fen Hua von der National Taiwan University: "I think it was a very good tour for such a variety of people, I think it has been quite difficult to compose such a programme." Als Multiplikatoren konnten die Teilnehmer direkte Ansätze für die Arbeit in ihren Heimatländern aufgreifen. 

Neben dem Dialog mit den Referenten war der Austausch unter den Teilnehmern selbst nicht zu unterschätzen. "I was gladly surprised with the group. Because we all have problems similar to Germany in our own countries, but obviously in a different way. In the case of Colombia with a divided society and civil war. I think the element of the discussion in Germany seventy years after the war are the same that we need to have. To deal with our thoughts, our regrets, with our country. To build one same country with people that think exactly the opposite", fasste Roberto Pombo von der Tageszeitung El Tiempo aus Kolumbien seine Eindrücke zusammen. 

"In Hungary there is no minimal consensus about what is our history, our identity, our destiny"

Welche Veranstaltung besonders interessant war, hing vom Vorwissen und beruflichen Hintergrund der einzelnen Teilnehmer ab. Insbesondere die Gedenkstunde im Bundestag und die Fahrt nach Dresden seien beeindruckend gewesen. "I was really impressed by the commemoration ceremony in the Bundestag and I asked myself, would it be possible in Hungary? No. In Hungary there is no minimal consensus about what is our history, our identity, our destiny", fand György Csepeli von der Eötvös Loránd Universität Budapest. Der Journalist aus Kasachstan Alexandr Kaminsky sagte: "I could see that the German society and government pay huge attention to the commemoration. Sometimes it’s heavy, sometimes it’s unpleasent, but nevertheless it’s well done". Elvis Muraranganda von der Namibian Sun war besonders fasziniert vom Panometer Dresden, wo ein riesiges Panorama der 1945 zerbombten Stadt ausgestellt ist: "I stood there forever and I got absorbed."

Konsens und Erinnerungskultur sind keine Selbstverständlichkeit

Zu den wesentlichen Erkenntnissen der Reise zählte die Tatsache, dass der gesellschaftliche Konsens und die Erinnerungskultur in Deutschland heute keine Selbstverständlichkeit sind, sondern das Ergebnis langwieriger, teils schmerzlicher und äußerst kontroverser Prozesse öffentlicher Debatten, die mitunter bis heute andauern. Dies ermöglichte es einigen Teilnehmern,  Parallelen zu den Entwicklungen in ihren Heimatländern zu ziehen: "Before coming here, I had a very superficial view. I thought from the very beginning there has been this culture of commemoration, but after participating in this program I learned, that it was a very long learning process of the German society and every part of the German society tried really hard. A lot of people in Korea want to learn from the German model and want to copy it. I learned that if we really want to do this our whole society has to try harder", sagte Min Hee Park von der südkoreanischen Tageszeitung Hankyoreh. 

"Germany has the courage to confront its past and to develop a dialogue"

Dass Debatten zugelassen werden und nur so eine Fortentwicklung des Status quo möglich ist, hob der griechische Journalist Anastasios Kostopoulos hervor: "The most important thing for me was that I could be in touch with the debate – or more accurately: the debates – that are going on in Germany over its past. Most interesting is, that the German society has developed controversy opinions. Of course I can disagree on some of this opinions but what is more important is the debate itself, the fact that Germany has the courage to confront its past and to develop a dialogue." 

Der Gesamteindruck des Programms wurde insbesondere durch die Gedenkveranstaltungen und das kulturellen Rahmenprogramm geprägt. Keine akademische Diskussionsrunde hätte den Besuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen, das Gedenkkonzert der Philharmonie der Nationen mit dem von Justus Frantz initiierten Handschlag der russischen und ukrainischen Musiker oder die bewegende Rede des Historikers Heinrich August Winkler im Bundestag ersetzen können. Gleiches gilt für die Ausstellungsbesuche in Dresden und Berlin. "Never before in my live I have seen history come so alive. Everything was really engaging, everything we went to. The key issue for me was that the program brought history alive", sagte Elvis Muraranganda aus Namibia.

Hinterfragen, analysieren, diskutieren

Die Gespräche mit Akteuren aus Politik und Zivilgesellschaft boten immer wieder Raum, um das Gesehene und Erlebte zu hinterfragen, zu analysieren und in einem weiten aktuellen Kontext zu sehen. Diskussionsrunden wie die mit Werner Patzelt von der Technischen Universität Dresden, der die Pegida-Bewegung erforscht, trafen auf lebhaftes Interesse. Weitere Beispiele sind die Diskussionen mit Helga Spranger über Traumatisierungen im Krieg und ihre Folgen. 

So wurde der Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte nach und nach klarer und der lange Weg zum Status quo nachvollziehbar. "We saw how difficult it was to deal with the past but we also saw that there ist hope," kommentierte Remzije Istrefi Peci von der Universität Priština. Auch Melsi Labi, Museumsdirektor in Tirana, schöpfte Hoffnung aus den in Deutschland gemachten Erfahrungen: "It seems that you have solved the problem – psychologically, morally, economically and you gave so much hope and knowledge to everyone. You give to everyone an example."