Capella dei Magi, Fresko, 1459
© Wolf Guenther Thiel
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Kulturtransfer: Marco Polo 1266 am Hof Kubilai Khans in Peking
Auf der Suche nach China – in Italien
Der Publizist Wolf Guenter Thiel berichtet von chinesischen Einflüssen auf die Kultur der Toskana am Beispiel von Bambus, Opium, Seide und Safran. Panzano ist ein kleines Städtchen in der Nähe von Greve, das seit dem Mittelalter genau die Mitte zwischen Siena und Florenz markiert hatte. In diesem Städtchen wohnt Heinrich Nicolaus. Er lebt zusammen mit der Bibliothekarin der Stadt Greve, Lucia Donini, und dies sollte sich als ausgesprochener Glücksfall erweisen. Sie erzählte uns vom Seidenanbau, Opiumanbau, Safrananbau und den Bambuswäldern der Region. Seide, Opium, Safran, Bambus – und das in einer Bergregion der Toskana, die gemeinhin für exzellente Weine, Oliven und andere Delikatessen bekannt ist? Sie fand heraus das bis 1982 noch frei zugängliche Opiumfelder im Chianti existiert haben und in 12 Klöstern der unmittelbaren Umgebung von Panzano seit etwa dem 13. Jahrhundert Opium angebaut wurde. Was Seide angeht, nehmen wir das 13. Jahrhundert an, obwohl wir es noch nicht anhand von Urkunden oder Büchern belegen können. Die Technik, Seide zu spinnen und zu produzieren wurde zuerst in China entwickelt. Es gelang den chinesischen Herrschern bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert, wahrscheinlich nahezu 3000 Jahre lang, die Seidenraupenzucht als ein Geheimnis zu hüten. Um 950 n. Chr. brachten islamische Eroberer die Kenntnisse der Seidenherstellung nach Sizilien. Roger II. gründete in Palermo die erste Werkstatt, in der Seidenstoffe und Gewänder angefertigt wurden. Mitte des 13. Jh. brach das Kaiserreich Friedrich II. zusammen, und Sizilien verlor in der Webkunst an Bedeutung. Lucca, das im 11. Jh. mit der Seidenweberei begann, und Venedig, das um 1200 mit der Herstellung von Seide begann, wurden selbständige Zentren und belieferten die Höfe und Kirchen. Politische Wirren am Anfang des 14 Jh. in Lucca ließen viele Textilhandwerker nach Florenz, Genua, Pisa und Bologna übersiedeln. Italien blieb bis ins 16. Jahrhundert führend in der europäischen Seidenproduktion. Wenn wir also annehmen die Seidenproduktion geht bis ins 13. Jahrhundert zurück, so ist dies für die Toskana richtig und nachweisbar, ob dies für die Region des Chianti auch gilt müssen weitere Recherchen ergeben. Ein weiterer Hinweis, Motive der Fresken in der Capella dei Magi des Palazzo Medici in Florenz, sollte uns wieder zurück auf unser eigentliches Thema führen: die Verbindung von China und der Toskana. "Capella dei Magi" im Palazzo Medici Riccardi
Im Palazzo residierten im Quattrocento eine der mächtigsten Familien der westlichen Welt: die Medici. Aus dieser Zeit ist ein Raum im 1. Geschoss des Palazzo erhalten: die "Cappella dei Magi". Die architektonische Ausgestaltung mit vielfarbigen Deckenkassetten dürfte auf Michelozzo di Bartolomeo zurückgehen. An den Wänden hat Benozzo Gozzoli 1459/60 den "Reiterzug der hl. 3 Könige" dargestellt. In Benozzos Darstellung spiegeln sich drei glanzvolle Ereignisse, mit denen die Medici ihre Machtstellung dokumentieren wollten: Das Konzil, das 1439 von Ferrara nach Florenz verlegt wurde, dann das Fest, das Piero de’ Medici 1459 für Papst Pius II. und den Mailänder Herzog Galeazzo Sforza gab, um die Medici symbolisch in den Kreis der drei bestimmenden Mächte Italiens aufzunehmen; schließlich die prachtvollen Prozessionen, welche die von den Medici großzügig unterstützte "Compagnia de' Magi" (Bruderschaft der hl. 3 Könige) veranstaltete. Im 15. Jahrhundert waren die Florentiner Religionswissenschaftler der Meinung, dass es sich hierbei um drei Magier aus dem heutigen Zentralasien, wahrscheinlich dem heutigen Iran, handelt. Das Motiv der Karawane wird im Bild zusammen mit einem Prunkzug tradiert. Wir glauben, dass im Gefolge des Zuges, mindestens zwei vielleicht drei chinesisch anmutende Gesandte abgebildet sind. Genauso wie der von einem farbigen Schergen als Attribut der Macht ostentativ getragene chinesische oder mongolische Bogen. Der Zusammenhang zur Seidenstraße wird durch verschiedene Attribute wie zum Beispiel die Kamele an verschiedenen Stellen deutlich betont. Ihre Karawanen scheinen hier als Vorbild gedient zu haben. Hierfür glauben wir eine Reihe von Indizien gefunden zu haben. Mit der Anspielung auf die Seidenstraße, die Anspielung auf die Magier aus Zentralasien und den verschiedenen Attributen scheinen die Medici den Zusammenhang zwischen Florenz und der Seidenstraße versinnbildlichen zu wollen. Ob neben den Insignien des Reichtums und der Macht wie Seide oder chinesischen Bögen auch das Wissen und die Philosophie des alten Chinas den Weg nach Florenz gefunden haben, davon gehen wir aus, dies bleibt zum jetzigen Zeitpunkt jedoch eine Theorie, für die jedoch, wie wir später sehen werden, einige Indizien sprechen.
Die Medici Wenn wir über die Familie der Medici sprechen, dann sprechen wir über eine Jahrhunderte währende Machtstellung, die sich im Kern auf Florenz und die Toskana, aber durch ihre Bankaktivitäten über ganz Europa und seit Lorenzo il Magnifico (1449-1492) seinen Sohn Giovanni mit 13 Jahren in das Kardinalsamt kaufte, auch in Rom etablierte. Giovanni wurde als Papst Leo X. zu einer historischen Person, die uns noch interessieren wird. Jetzt stellt sich natürlich eine methodische Frage: Es ist völlig unmöglich, die Geschichte der Dynastie vor dem Hintergrund ihres Interesses an Asien, China, dem Handel oder der Finanzierung von Expeditionsreisen über die Jahrhunderte zu schildern. Die Medici interessieren uns insbesondere von Cosimo, der Ältere (1389-1464), über Lorenzo il Magnifico (1449-1492), über seinen Sohn Giovanni, den späteren Leo X. (1475-1492) bis zu Cosimo I (1544-1547) und dessen Sohn Francesco I. Hierbei werden wir weniger über die von Francesco gegründete Porzellanmanufaktur nachdenken, als darüber was dieses Engagement zum Ausdruck bringt. Wir werden uns ansehen ob und wie Cosimo der Ältere in seinem Exil 1433 in Venedig vom dortigen Umgang mit chinesischen Waren und chinesischer Philosophie beeinflusst wurde und ob sich dies bei seiner Rückkehr 1434 nach Florenz innerhalb seines Wirkens ablesen lässt wie zum Beispiel die "Capella dei Magi". Wir wissen, dass sich spätestens seit Lorenzo il Magnifico eine Sammlung asiatischer Kunst, unter anderem Buddhaskulpturen, im Besitz der Medici befunden hat. Wir werden uns ansehen, ob es ikonographische Indizien gibt, das diese Sammlung von Künstlern, die im Hause der Medici ein- und ausgingen, gesehen wurde. Diese Sammlung wurde von Lorenzo, dem eine Vorliebe für Kleinskulpturen und Gemmen nachgesagt wird, angelegt; folgt man der Beschreibung des Silber Museums der Stadt Florenz. Ein Teil dieser historischen Sammlung ist im Silber Museum ein anderer Teil in der Majolica Sammlung des Bargello Museums zu sehen. Schließlich schauen wir uns das gemeinsame Engagement von Franz I., Leo X., Katharina Medici und ihres Mannes dem späteren Heinrich II. im Rahmen der Expedition von Giovanni di Verazzano an, die ursprünglich Ostindien erreichen sollte. Uns interessiert, festzustellen welches Wissen über die Seidenstraße, die chinesischen Dynastien, die Kunst-, Philosophie- und Religionsgeschichte es in Florenz und im Hause der Medici gegeben hat und welche Auswirkungen dieses Wissen auf eine überschaubar große Anzahl von Künstlern, Philosophen und Wissenschaftlern gehabt haben kann. Es besteht natürlich die Frage, woher und vor allem durch wen haben die Medicis und die von ihnen geförderten Künstler von diesem Kulturkreis erfahren.
Marco Polo Eine wesentliche, wahrscheinlich entscheidende Quelle ist Marco Polo. Als dieser wieder in Italien lebte, soll er während der Seekriege zwischen Genua und Venedig eine Kriegsgaleere befehligt haben. In der Seeschlacht bei Curzola 1298 geriet er in genuesische Gefangenschaft, in der er bis Mai 1299 festgehalten wurde. Polo saß in Genua im Gefängnis. Wer heute nach Genua fährt und nach dem Gefängnis sucht findet am Hafen den Palast des Heiligen Georg, der durch eine Wandskulptur nach außen bezeichnet ist, auf dem Georg den Drachen tötet. Eine Ironie des Schicksals, das Marco Polo ausgerechnet hier eingekerkert wurde und seine Reiseberichte einem gewissen Rustichello da Pisa diktiert haben soll. Das Ergebnis: "Das Buch von den Wundern der Welt" war eine weitverbreitete Schrift, die einen vermeintlich realistischen Bericht über die in Westeuropa bis dahin der breiteren Öffentlichkeit praktisch unbekannten Länder in Fernost lieferte. Es wird in den nachfolgenden zwei Jahrhunderten sehr viel gelesen worden sein, denn mehr als 80 Handschriften sind erhalten, darunter auch Übersetzungen in andere Sprachen, z. B. ins Toscanische als Libro delle meravigilie del mondo. Die Bücher waren Bestseller ihrer Zeit und sehr verbreitet. Darüber hinaus wurde das Buch von Gelehrten aller Art ausgewertet, vor allem Geographen, die Polos sehr exakt wirkenden Entfernungsangaben für ihre Karten übernahmen. Sie dürften den Medici wie auch den meisten anderen wichtigen Geschäftsleuten und Politikern der Zeit nicht nur bekannt gewesen sein, sondern hohe Faszination ausgeübt haben. Die Schilderungen zum Papiergeld führte wahrscheinlich mit zu deren späterer Einführung. Während Cosimo der Ältere in Venedig im 1433 im Exil war, dürfte der Sammler von Büchern sicher diese für ihn interessanten Bücher erworben haben.
Wolf Guenter Thiel ist Publizist, Kurator und Wissenschaftler. Er lebt und arbeitet in Berlin und Wien. Zuletzt sind eine Reihe von Artikeln zu chinesischer zeitgenössischer Kunst im Katalogbuch "China – Facing Reality" im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien und im Katalogbuch zur Ausstellung "Lasst Hundert Blumen Blühen – zeitgenössische Kunst aus China" im Dresdner Kunstverein e.V. erschienen. Er ist Herausgeber von "fair – Zeitung für Kunst und Ästhetik", Wien/Berlin.
www.vfmk.de
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