BAMAKO. VII. Rencontres Africaines de la Photographie. – Berlin: ifa, 2008. – 88 S., 7 €
Akinbode Akinbiyi
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aus der Serie "Lagos: All Roads", 2004
"Afrika pulsiert!" Akinbode Akinbiyi, Sie wehren sich häufig gegen die Vermarktung Afrikas als "verrotteter Kontinent, der Hilfe von außen braucht". In welchem Maß kann eine Biennale wie "Bamako 2007" diesen Klischees entgegentreten? Es war und ist bis heute tatsächlich ein großes Problem, dass Afrika seit etwa 100 Jahren visuell, fotografisch, praktisch ausschließlich von nicht-afrikanischen Fotografen dargestellt wurde, und zwar überwiegend negativ. Eine Ausstellung wie Bamako kann als ein Gegenentwurf zu diesem verbreiteten Bild Akzente setzen. Das ist mein Anliegen. Meiner Meinung nach sind sich die nicht-afrikanischen Fotografen oftmals unserer Geschichte und der Geschichte der afrikanischen Länder nicht bewusst; sei es aus Naivität, sei es weil sie bewusst ihre eigene Agenda durchzusetzen versuchen, aber sie missachten dabei die Geschichte der Sklaverei, der Unterdrückung, des Kolonialismus. Es fehlt der Kontext in ihren Darstellungen; es werden einzelne Themen, und zwar meist negative Themen, herausgepickt: Kriege, Hungersnöte, beispielsweise in Äthiopien, und in den vergangenen 20 Jahren vor allem das Thema Aids. Auf dieser negativen Schiene wird Afrika dargestellt, und man muss hier auch Kritik üben an den westlichen Medien, die sehr auf diese Negativberichterstattung eingestellt sind und in die etwas positives, aufbauendes, nur sehr wenig Eingang findet. Für die Biennale in Bamako 2007 wurde mit dem Motto "Dans la ville et au-dela" ein Thema gewählt, das ein Forum bietet für die Darstellung der modernen, urbanen Seiten Afrikas. Ist dieser Aspekt zu wenig Präsent in den Köpfen, aber auch in den Medien außerhalb Afrikas? Die Fotografen sind sich dieser Seiten natürlich bewusst. Sie fliegen von New York, London oder Paris nach Lagos, Kairo, Nairobi oder Johannesburg. Das sind pulsierende, moderne Städte! Sie sehen das, fotografieren und thematisieren es aber oft zu wenig. Es gibt Ausnahmen, aber was das Afrika-Bild immer noch viel zu stark prägt, sind Themen wie Landschaft, Natur, Tierwelt, das Motiv des so genannten "Edlen Wilden". Das steckt sehr, sehr tief in vielen Köpfen, und das wollen die Leute befriedigt haben. In dieser Ausstellung, Bamako, wird aber genau das überhaupt nicht befriedigt. Wir sind Afrikaner und wir erleben unser tagtägliches Leben ganz anders In der Ausstellung sehen wir ein breites Spektrum zeitgenössischer afrikanischer Fotografie. Nach welchen Kriterien haben Sie als Kurator die Auswahl getroffen? Meine Herangehensweise für die Auswahl war sehr subjektiv. Ich bin durch die verschiedenen Ausstellungen in Bamako gewandert und habe alles auf mich einwirken lassen, fast eine Woche lang. Von Anfang an war mir klar, ich nehme nur Werke aus der internationalen Ausstellung – international heißt in dem Fall: die Ausstellung, in der alle Länder Afrikas vertreten waren – zu dem Thema, das Thema der Biennale 2007 in Bamako war, nämlich "Stadt und Peripherie". Dabei habe ich zunächst nicht unbedingt an das zukünftige Publikum in Europa gedacht, sondern mich eher für Arbeiten entschieden, die mich persönlich ansprachen. Dann wollte ich ungefähr eine gleiche Anzahl männlicher und weiblicher Künstler ausstellen. Und schließlich war da der Versuch, Afrika als ganzes zu zeigen. Da sind Künstler aus Nordafrika, aus dem arabischen Raum, aus Westafrika, Ostafrika und aus Südafrika. So habe ich das konzipiert. Aber die Auswahl ist mir schwer gefallen. Durchweg herrschte unter den Arbeiten eine sehr gute Qualität, ein sehr hohes Niveau. Aus den 32 Künstler, die in Bamako in der internationalen Ausstellung zu sehen waren, habe ich jetzt neun ausgewählt, dazu noch zwei Videokünstlerinnen. Die Auswahl sollte repräsentativ für Afrika, aber auch repräsentativ für die Biennale 2007 sein. Liegt das Besondere der Ausstellung also in den vielen individuellen Afrika-Wahrnehmungen? Jeder Künstler hat immer eine andere Sichtweise. Und was mir auffiel bei dieser Biennale war, dass die Sichtweisen sehr intensiv waren, oft auch sehr intim. Ich hoffe, dass in der Ausstellung diese vielen Facetten wieder gespiegelt werden. Nehmen wir zum Beispiel Lolo Veleko aus Südafrika mit ihren Bildern von modisch gekleideten, jungen Leuten in Johannesburg. Das sind Arbeiten, die das moderne, städtische Afrika zeigen. Sie ist selbst eine ganz junge Künstlerin, und sie geht an ihre Arbeit heran mit einer Intensität und einer Begeisterung, die mich sehr beeindruckt hat. Das machen andere auch, zu anderen Themen. Jeder hat seine Vorlieben. Aber grundsätzlich ist da ein Lebenswille und eine Begeisterung in Afrika – die gibt’s natürlich weltweit, aber in Afrika fällt mir das immer noch eine Spur stärker auf. Die Arbeitsbedingungen für die Künstler sind sehr schwierig. Das fängt schon beim Fotomaterial an, Akkus für Digitalgeräte, Analogfilme, all das ist sehr schwer zu bekommen. Ganz zu schweigen von Stromausfällen, in Nigeria sehr häufig, die eine Arbeit mit dem Computer dann ganz unmöglich machen. Bei diesen Arbeitsbedingungen sind die Künstler fast besessen davon, voran zu kommen und auch Anschluss zu finden, sowohl innerhalb Afrikas, als auch international. Welchen Weg hat die afrikanische Fotografieszene in den vergangenen Jahren zurückgelegt, um schließlich international Anerkennung zu finden? Der Anfang der heutigen jungen afrikanischen Fotografieszene liegt in Bamako im Jahr 1994. Das war die erste "Rencontres", zunächst noch eine kleine Ausstellung, die damals initiiert wurde von zwei französischen Fotografen, die begeistert waren von der Qualität der Bilder. 2001, zur 4. Auflage von Bamako kam Simon Njami als neuer Kurator dazu. Mit dem Einstieg Simon Njamis, der aus Kamerun stammt und in Frankreich lebt, wurde Bamako zu einer größeren und internationalen Ausstellung, an der sich nun mehrere afrikanische Länder beteiligten. Das hat schließlich vor allem junge Fotografen überall in Afrika ermuntert, auszustellen – vor allem auch mehr international, in Europa, in den USA, in Asien. Bis dahin gab es nur wenige afrikanische Fotografen, die bereits Anschluss an die internationale Szene gefunden hatten, darunter zum Beispiel David Goldblatt aus Südafrika, oder einige Fotografen, die in der Diaspora in England oder den USA lebten und sich schon damals, in den 1970ern oder 1980ern einen Namen gemacht hatten Sie sprachen vorhin vom tagtäglichen Leben. Der Kurator der Biennale in Bamako, Simon Njami, beschrieb die Eigenheit der afrikanischen Städte als einen unaufhaltsamen Transformationsprozess. Stadt ist, was ihre Bewohner aus ihr machen, ihre "Seele" ist das Zusammenspiel der Menschen, die in ihr leben. Wie bilden die Fotografien, die wir ausgestellt sehen werden, diesen Prozess ab? Indem die Fotografinnen und Fotografen Themen wählen und sich diesen über einen mehr oder weniger langen Zeitraum hinweg widmen. Nehmen wir zum Beispiel Aida Muluneh aus Äthiopien. Sie ist nach Addis Abeba zurück gekehrt, eine Riesenstadt mit 8 oder 9 Millionen Einwohnern, und fotografiert dort ihr tagtägliches Leben, ganz nah. Oder Mouna Karray aus Tunesien. Sie hat in ihrer Heimatstadt Sfax die Ruinen einer ehemaligen Phosphatfabrik fotografiert. Diese Künstlerinnen nehmen sich Zeit, wählen ein Thema für sich, gehen in die Tiefe. Darin liegt die spezifische Sicht der Dinge. Im Gegenzug dazu kommen nicht-afrikanische Fotografen oftmals mit Vorurteilen nach Afrika, die sie dann visuell bestätigen. Damit will ich nicht sagen, dass afrikanische Fotografen keine Vorurteile hätten! Die haben wir auch! Aber wir sind zum Teil einfach noch näher dran. Und wenn afrikanische Künstler Probleme wie Aids, Kriminalität oder Armut angehen, dann tun sie das oft mit mehr Einfühlungsvermögen. Ihr Kollege Santu Mofokeng meinte einmal sinngemäß, in Südafrika sei man vor wenigen Jahren noch praktisch für verrückt erklärt worden, hätte man sich als Fotograf als "Künstler" bezeichnet. Hat sich durch die wachsende Beachtung, die die afrikanischen Biennalen mittlerweile erfahren, etwas geändert? Zum Teil sehr. In Mali zum Beispiel hat sich das durch Bamako sehr stark verändert, die Leute sind sich plötzlich dessen bewusst, das Fotografen etwas leisten – und auch gute Arbeit leisten. Aber grundsätzlich werden Fotografen momentan doch noch eher als Handwerker betrachtet, so wie meinetwegen ein Schreiner oder ein Klempner. Als Künstler gilt in vielen Ländern Afrikas ein Maler, ein Dichter, ein Musiker... Aber das verändert sich zur Zeit sehr stark. In Südafrika gibt es eine ganz starke Kunstszene. Ich meine, der Normalbürger hat in vielen Ländern kaum Zeit oder Interesse für die so genannte moderne Kunst, die haben ganz andere Probleme. Bei Sportveranstaltungen, wie dem Fußball, da ist dann eine Begeisterung da, aber ich glaube kaum, dass jemand aus den Townships in eine Ausstellung mit Santus’ oder meinen Bildern gehen würde. Da wäre auch die Überwindung zu groß, hineinzugehen, da die Kunstszene oftmals noch etwas elitäres ausstrahlt. Aber ganz allmählich gibt es auch in Afrika ein Bewusstsein dafür, was Kunst ist und was sie sein kann. Und Sie selbst? Sie sind in Oxford geboren, haben unter anderem in Ibadan (Nigeria) und Heidelberg studiert und leben seit über 30 Jahren in Deutschland. Gibt es etwas spezifisches in Ihren Arbeiten, was Sie als Künstler in Europa unterscheidet von Künstlern, die heute in Afrika leben? Es ist schwierig für mich, das selbst zu beantworten. Ich beobachte in mir eine gewisse Veränderung meiner Sichtweise, aber das hat weniger mit dem Ort zu tun, an dem ich gerade bin, ob jetzt hier in Berlin oder damals in Heidelberg, ob in Lagos oder in Dakar. Es sind eher innere Entwicklungen, Bewegungen, die mich beschäftigen. Ich empfinde mich nach wie vor als Afrikaner, als Nigerianer, der im Ausland wohnt. Es gibt diese Begriffe wie "Nomade", "Diaspora", "Wandernder"... vielleicht entspricht dieser letzte Begriff des Wanderns und Wandelns am ehesten meiner Einstellung. Ich sehe mich als ein Mensch, der das Glück hat, die ganze Welt zu bewandern – das tue ich auch gerne – und ich fotografiere. Egal wo, ich versuche stets so zu fotografieren wie ich bin, mein innerer Kern bleibt dabei gleich, Akinbode Akinbiyi. Spezifisch vielleicht durch meine Abstammung, Yoruba, aber ob ich jetzt in Brasilia bin oder in Paris, immer versuche ich, ich selbst zu sein und meine Umgebung wahrzunehmen und ihr gerecht zu werden. Nach vielen Jahren in Deutschland kennen Sie die Betrachtungsgewohnheiten hierzulande. Was geben Sie dem Publikum der ifa-Ausstellung "Spot on... Bamako 2007" mit auf den Weg? Offen sein. Offen sein und die Bilder tief und eingehend betrachten. Etwa Sammy Balojis Bilder des "postkolonialen Kongo" gemischt mit dem "vorkolonialen Kongo" in einer Art Collage. Oder die Videoarbeiten von Berry Bickle und Amal Kenawy, die einen ganz anderen Aspekt von urbanen Absurditäten bis hin zu Schmerz zeigen. Das wollte ich vermitteln. Afrika ist viel größer als wir alle, größer als wir Künstler, aber auch größer als wir Betrachter, und wenn man es schafft, in sich selbst Vorurteile abzubauen, dann sieht man mehr, und man merkt, dass das, was ich sehe, erlebe oder höre viel tiefer ist als das, was ich zuerst wahrgenommen habe. Das Gespräch fand am 10.09.2008 in Berlin statt. Mit Akinbode Akinbiyi sprach Sarah Wendle. Sarah Wendle, geboren 1983 in Lahr/Schwarzwald; seit 2004 Studium der Regionalwissenschaften Lateinamerika in Köln und Buenos Aires. Zur Zeit ist sie Praktikantin in der Abteilung Kunst des Instituts für Auslandsbeziehungen e. V. in Berlin.
Akinbode Akinbiyi wurde 1946 als Sohn nigerianischer Eltern in Oxford, England, geboren. Heute lebt er in Berlin, von wo aus er praktisch weltweit arbeitet. Seine schulische und universitäre Laufbahn erstreckt sich von Nigeria über England bis nach Deutschland. An der Ibadan Universität, Nigeria, absolviert er einen Bachelor of Arts im Fach Anglistik. Seit 1977 arbeitet Akinbode Akinbiyi als freiberuflicher Fotograf. Im Jahr 1987 erhält er ein STERN Reportagestipendium mit Fokus auf die westafrikanischen Städte Lagos, Kano und Dakar. Er ist Mitbegründer von UMZANSI, einem 1993 ins Leben gerufenen Kulturzentrum in Clermont Township, Durban, Südafrika. Große, ausufernde Metropolen bilden die fotografischen Schwerpunkte von Akinbode Akinbiyi. Die vier größten Städte des afrikanischen Kontinents - Lagos, Kairo, Kinshasa und Johannesburg - stellen zurzeit seinen Themenschwerpunkt dar. Sein Ziel ist es, diese Thematik durch anspruchsvolle Veröffentlichungen und Ausstellungen zu verbreiten. Akinbode Akinbiyi hat an mehreren internationalen Ausstellungen teilgenommen. Als Autor hat er weltweit veröffentlicht. Darüber hinaus ist er als Kurator tätig und leitet Fotografie-Workshops. www.filter-hamburg.com
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