Auf dem Flughafen in Kabul, September 2014: Frank-Walter Steinmeier (Mitte), damals Außenminister, wird von Botschafter Markus Potzel (rechts) empfangen, Foto: photothek.net

Diplomaten im Dialog

"Mission Impossible? Krisenbekämpfung in Afghanistan"

Die Veranstaltungsreihe "Außenpolitik live – Diplomaten im Dialog" will Menschen die Arbeit von Diplomaten näher bringen. Über einen Abend in Frankfurt mit dem ehemaligen Botschafter in Kabul Markus Potzel.

Ein Bericht von Franziska Richter

Das Publikum stellte Fragen, Foto: Zübeyde Kopp

Eine der provokativsten Bemerkungen des Abends war wohl die Frage eines Zuschauers nach der "Konzeptlosigkeit der Politik: Ende der DDR: ohne Konzept; Irakkrieg: ohne Konzept, Soldaten nach Afghanistan: ohne Konzept; Grenzen öffnen für Flüchtlinge: ohne Konzept." Als diese These im Raum stand, herrschte für einen Augenblick eine angespannte Stille im Festsaal des Hessischen Hofes. Es war zu diesem Zeitpunkt bereits eineinhalb Stunden intensiv über die sicherheitspolitische und die alltägliche Situation in Afghanistans diskutiert worden. Nun war es am Publikum, Fragen zu stellen.

Bürgerdialog 

Das ifa hatte gemeinsam mit der Frankfurter Montagsgesellschaft, einem Verein, der eine Plattform für den politischen Austausch bieten möchte, Ende Januar zu einem Bürgerdialog eingeladen. Der Abend war Teil der ifa-Veranstaltungsreihe "Außenpolitik live – Diplomaten im Dialog". Das Thema: "Mission Impossible? Krisenbekämpfung in Afghanistan". Auf dem Podium: der ehemalige Botschafter in Afghanistan, Markus Potzel, der ehemalige Luftwaffengeneral der Bundeswehr, Walter Jertz, und die afghanisch-deutsche Unternehmerin und interkulturelle Beraterin Valentina Omarkhel.

Markus Potzel, Krisenbeauftragter im Auswärtigen Amt im Gespräch mit Dr. Stefan Söhngen, Montagsgesellschaft, Foto: Zübeyde Kopp
Markus Potzel, Krisenbeauftragter im Auswärtigen Amt
im Gespräch mit Stefan Söhngen, Montagsgesellschaft,
Foto: Zübeyde Kopp

Mauern und Stacheldraht

Das erste Wort hatte Markus Potzel. Er erzählte von der "schwer gesicherten" deutschen Botschaft, mit Mauern und Stacheldraht. Er berichtete von einem eigenen GSG9-Team und dass er die Botschaft nicht allein verlassen durfte, wie gepanzert sein Auto auch war. "Jeder Termin wurde auf Sicherheit abgeklopft", berichtete Potzel. Einmal hatte er ins Pandschschir-Tal im Nordosten des Landes fahren wollen. Alles sei vorbereitet gewesen, Termine seien gemacht worden, auch mit dem Gouverneur. Einen Tag vor der Abreise musste der Trip abgesagt werden, zu riskant. Verständnis überwog auch in Frankfurt noch das Bedauern: "Ich bringe ja dadurch nicht nur mich, sondern auch die anderen in Gefahr."

Brücke zwischen Außenpolitik und Menschen im Inland

Seit 2011 gibt es die Veranstaltungsreihe "Außenpolitik live". Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier war es, der den Wunsch nach mehr Bürgerdialog formulierte und Brücken bauen wollte zwischen deutschen Politikern im Ausland und Menschen im Inland. "Es war damals ein neues Format und für beide Seiten ein Lernprozess", sagt Odila Triebel, Initiatorin der Reihe und Bereichsleiterin des Forschungsprogramms "Kultur und Außenpolitik". "Wir schaffen damit einen Raum, der natürlich nicht konfliktfrei ist – aber demokratisch." Ob Botschafterinnen und Botschafter oder Staatssekretäre aus dem Auswärtigen Amt: Bei "Außenpolitik live" sprechen sie, die sich sonst zwischen Staatsbesuchen und Regeln des Protokolls bewegen, über ihren diplomatischen Alltag und stellen sich den Fragen der Bürger. 67 Veranstaltungen wurden bisher organisiert – verteilt über das gesamte Bundesgebiet. Der Erfolg des Formats "Außenpolitik live" hat Ableger entstehen lassen, etwa die vom ifa organisierte Diskussionsreihe "Welches Europa wollen wir?".

Markus Potzel, Krisenbeauftragter im Auswärtigen Amt, Dr. Stefan Söhngen, Montagsgesellschaft, Valentina Omarkhel, Unternehmerin und Walter Jertz, Generalleutnant a.D., Foto: Zübeyde Kopp

Afghanistan heute

Auch in Frankfurt ging das Konzept auf und es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über die Situation in Afghanistan: während des internationalen Einsatzes, nach Abzug eines Teils der Truppen und heute.

Wie sicher ist Afghanistan heute? War der Einsatz der Nato richtig? Wie beurteilen Potzel, Jertz und Omakhel die Zukunft des Landes? Die Sicherheitslage, da waren sie sich alle einig, sei weiterhin kritisch. "Es wird nach wie vor gekämpft, es gibt Anschläge." Die schlechte wirtschaftliche Situation vieler Afghanen bringe den Taliban Zulauf, die ethnische Vielfalt des Landes heize die Auseinandersetzungen immer neu an. "Die Regierung funktioniert nicht. Dadurch kommt der Staat seinen Pflichten nicht nach: Sicherheit, Bildung, Wirtschaft", sagte Potzel, jetzt Krisenmanager im Auswärtigen Amt. Bei der Frage, wie zufrieden er rückblickend mit der Mission sei, war Potzel zurückhaltender. Er betonte, man habe "nicht im luftleeren Raum agiert" und die Politik der Bundesregierung vertreten. Der ehemalige General Jertz, der sich seit seinem Ruhestand im Jahr 2006 für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Afghanistan engagiert, fand deutlichere Worte: So seien die Truppen zu früh abgezogen worden. "Das haben die heimischen Sicherheitskräfte nicht ausgleichen können. Und wir haben die Menschen ausgebildet, aber keine Berufsperspektive geben können. Das war ein Riesenfehler."

Podium: Markus Potzel, Krisenbeauftragter im Auswärtigen Amt, Dr. Stefan Söhngen, Montagsgesellschaft, Valentina Omarkhel, Unternehmerin und Walter Jertz, Generalleutnant a.D., Foto: Zübeyde Kopp

Aus Fehlern lernen

Was sagten also die Experten auf dem Podium zum Vorwurf der Konzeptlosigkeit der Politik in Bezug auf Afghanistan? Für Potzel war klar: Der Einsatz am Hindukusch war ein Präzedenzfall. "So etwas gab es vorher noch nicht. Daher ist es entschuldbar, wenn man Fehler macht. Aber man muss aus den Fehlern lernen." Das sei geschehen: Der Staat werde gestärkt, die Privatökonomie unterstützt, die Berufsbildung intensiviert. So provokativ und kritisch diese und andere Fragen in Frankfurt ausfielen, – etwa die nach "wenigstens der halben Wahrheit" oder eine andere nach den "wirklichen Wünschen der Afghanen" - Potzel war zufrieden mit dem Abend: "Es gibt keine einfachen Antworten. Darum ist es ist wichtig, dass wir die Politik, die komplex ist, erklären. So können wir den Populisten etwas entgegensetzen."

Kontakt

Institut für Auslandsbeziehungen
Außenpolitik live
Daniela Hochstätter
Charlottenplatz 17
70173 Stuttgart
Tel. +49.711.2225.108
hochstaetter(at)ifa.de

Kooperationspartner

© Montagsgesellschaft

Markus Potzel trat 1995 in den Auswärtigen Dienst ein. Nach Posten als Kulturreferent in Singapur und Wirtschaftsreferent in Teheran hatte er zahlreiche Positionen im Inland inne, unter anderem als persönlicher Referent des Bundesaußenministers in Berlin. Als Gastwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) veröffentlichte er eine Studie zu den Beziehungen zwischen Iran und Afghanistan. Von August 2014 bis August 2016 war er Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Afghanistan. Seit 2016 ist er Krisenbeauftragter im Auswärtigen Amt.

Valentina Omarkhel ist Gründerin und Geschäftsführerin von IBI-Integration. Von 2010 bis 2014 war sie als selbständige Unternehmerin in Afghanistan tätig und engagierte sich insbesondere um die Berufsbildung von Frauen. Darüber hinaus arbeitete die gebürtige Afghanin im Auftrag der Bundeswehr in Krisengebieten und im Jahre 2014 als Wahlbeobachterin für USAID und OSCE. Heute ist sie als interkulturelle Beraterin und Sprachvermittlerin für das BAMF tätig. Sie entwickelt Schulungskonzepte u.a. für Kommunen im Bereich Migration und hat sich mit ihrer Firma IBI dem Thema Integration von Flüchtlingen in Deutschland und der Schweiz verschrieben.

Walter Jertz ist ehemaliger Luftwaffengeneral und Autor. Von 2000 bis 2006 war er Befehlshaber des Luftwaffenführungskommandos der Bundeswehr. Bei seinen Auslandseinsätzen war er in Bosnien, Kosovo, Afghanistan im Einsatz und ab 2013 als "Kurzzeitexperte" für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Tarin Kowt und Masar-e Sharif (Afghanistan) tätig.