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Yannick Jürgens, Jon Worth und Dr. Andreas Görgen (von links) ;Foto: Zeitgeschichtliches Forum ©

Europa in Zeiten des Populismus

Eine multikulturelle Wohngemeinschaft

Von Carmen Eller

Ein Publikum, zwei Gäste, viele Fragen: Wie kann man den Zusammenhalt in Europa stärken? Welche Rolle spielen Populismus und Nationalismus? Und was ist Europa überhaupt? „Europa ist eine Schönheit, die auf einem Ochsen durch die Gegend reitet“, sagt Dr. Andreas Görgen, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, „wenn Sie das politisch übersetzen, dann ist das unsere einzige und wahrscheinlich schönste Chance, etwas aus unserem Leben zu machen und etwas für das Leben unserer Kinder und Enkel auf diesem Kontinent und in dieser Welt zu erreichen.“
Zusammen mit Diplomat Görgen sitzt Politikblogger John Worth auf dem Podium. Es läuft die Abschlussveranstaltung der Reihe „Außenpolitik live – Diplomaten im Dialog“ im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Yannick Jürgens von Radio mephisto 97.6 moderiert das Thema: „Europa stärken – Umgang mit Populismus und Europaskeptizismus“.

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Sebastian Körber; Foto: Zeitgeschichtliches Forum ©

Noch bevor Blogger und Diplomat das Wort ergreifen, betont Sebastian Körber, stellvertretender Generalsekretär des ifa in seiner Begrüßungsrede: Spätestens seit dem Brexit sei klar: Die EU stehe an einem Scheidepunkt. Ein neues Selbstverständnis müsse entwickelt werden. Das ifa stehe dabei "für einen Kulturbegriff, der Kulturen nicht als nationalen Rückzugsort begreift." Vielmehr gehe es um "das Prinzip der Offenheit, der Interdependenz, der Vernetzung."

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Jon Worth; Foto: Zeitgeschichtliches Forum ©

 Die EU in Fakten oder Emotionen?

Wie aber kann man angesichts von Populismus Europa besser vermitteln?, will der Moderator wissen. "Die EU denkt immer, dass Fakten ausreichend sind", meint Jon Worth. Doch der Brexit habe eine andere Lektion gelehrt, meint der britische Blogger. Im Referendum stießen zwei Dinge aufeinander: eine "sehr rationale, auf wirtschaftlichen Zahlen basierende Verteidigung der Europäischen Union" und eine sehr emotionale Argumentation. "Das Problem ist: Die emotionalen Argumente, besonders im Bereich der Online-Kommunikation, kommen besser an."

Görgen sieht es ähnlich. Und erzählt von persönlichen Erinnerungen, die deutlich machen, welch weiten Weg Europa genommen hat. "Ich stamme aus einer Generation, in der meine Eltern mir gesagt haben, wenn wir nach Belgien oder Frankreich gefahren sind und den Personalausweis vorzeigen mussten: Benimm dich ordentlich. Wir fahren jetzt wieder durch ein Land, in das wir Krieg gebracht haben."

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Dr. Andreas Görgen, Foto: Zeitgeschichtliches Forum ©

Die "easy-jet-Generation" und Nationalismus

Die Studierenden von heute, so Görgen, gehörten zur "easy-jet-Generation", in der es keinen Unterschied mehr mache, ob sie in Barcelona arbeiten, in Bochum oder Bristol. "Solange wir es schaffen, dass die Leute sich frei bewegen können in diesem Europa, mache ich mir nicht so viele Sorgen um die Leute, die nachkommen", meint der Diplomat. Sorgen bereiten ihm dagegen "Leute, die heute in Verantwortung stehen, die in meinem Alter plus x sind und eine Renationalisierung betreiben wollen." Später hört man kritische Stimmen aus dem Publikum. Ein Bürger bezweifelt, dass mit den alten Leuten auch die Populisten sterben. Und ein junger Mann fragt: Ist mehr Emotionalität in der Debatte wirklich eine Antwort auf Europaskepsis?

Es ist vernünftig, sich zu streiten

Der Dialog mit den Bürgern steht nicht nur an diesem Abend im Zentrum, sondern gehört zum Konzept der Reihe "Außenpolitik live – Diplomaten im Dialog". 2011 wurde sie gemeinsam vom Institut für Auslandsbeziehungen und dem Auswärtigen Amt ins Leben gerufen. Die Bilanz in Zahlen: 77 Veranstaltungen in 36 Städten. Die Reihe sei ein "weiterer Beleg dafür, dass Demokratie jeden Tag neu weiterentwickelt werden muss",  sagt Dr. Odila Triebel, die im ifa den Bereich Dialog und Forschung "Kultur und Außenpolitik" leitet und das Konzept entwickelt hat. Grundidee sei es gewesen, die Interaktion von Bürgern mit Diplomaten und anderen Diskutanten aus Bildung, Forschung und Medien zu ermöglichen. In Leipzig zeigt sich: Das Konzept geht auf. Das Interesse des Publikums ist groß, die Diskussion kontrovers. Die Bürger fragen, kommentieren, haken nach.

Die Wahrnehmung der EU von außen

Eine ältere Dame aus Leningrad zieht Vergleiche zwischen EU und Sowjetunion. "Dieser Vergleich ist nicht richtig", wehrt Worth ab. Doch Görgen gibt zu bedenken: "Natürlich vergleichen wir nicht die Sowjetunion mit der Europäischen Union. Aber was ich bei Ihnen verstanden habe, ist, dass es eine Diskussion darüber gibt in anderen Ländern – außerhalb der Europäischen Union –, wie weit mit dem Verhalten der Nato und der EU ein imperialer Anspruch verbunden ist. Es gibt Länder, denen machen wir Angst." Umso wichtiger sei der Aufbau einer europäischen Verteidigungspolitik, in der es nicht mehr um Nationalstaaten gehe, sondern in der Souveränität abgegeben werde.

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Streit und Demokratie

Doch ohne Debatten gehe es nicht, betont der Diplomat. Und vergleicht die EU mit einer multikulturellen Wohngemeinschaft. „Wir erleben einen Moment, in dem sich eine Gesellschaft – Gott sei Dank und endlich wieder – politisiert und damit auch demokratisiert.“ Es sei vernünftig, zu streiten. Schließlich gäbe es „nichts Langweiligeres als Beziehungen, in denen sich die Partner nichts mehr zu sagen haben“, um dann nach 20 Jahren zu gestehen: „Ich habe dein Müsli noch nie gemocht.“ 

Kontakt

Institut für Auslandsbeziehungen
Außenpolitik live
Daniela Hochstätter
Charlottenplatz 17
70173 Stuttgart
Tel. +49.711.2225.108
hochstaetter(at)ifa.de

Kooperationspartner

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Dr. Andreas Görgen ist seit 2014 Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt. Nach Stationen als Referent im Leitungsstab des Staatsministers für Kultur und Medien und als Referent der Europaabteilung im Bundeskanzleramt, war er Referent im Ministerbüro im Auswärtigen Amt. Von 2009 bis 2011 leitete er die Abteilung „fossil power“ bei Siemens Energy in Paris, anschließend war er für den gesamten Energie-Sektor in Südwesteuropa verantwortlich.

Jon Worth wurde in Großbritannien geboren und arbeitet heute als Blogger und Berater in Berlin. Sein Blog www.jonworth.eu ist einer der ältesten und bekanntesten zu den Themen Europapolitik und Technologie. Er hält regelmäßig Vorträge zu Demokratie und Beteiligung in der Europäischen Union und entwickelt Kommunikationsstrategien für EU-Institutionen und Organisationen.

Carmen Eller arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Im Auftrag des ifa leitete sie zwischen 2006 und 2008 das Feuilleton der Moskauer Deutschen Zeitung. Über ihre Zeit in Russland veröffentlichte sie 2010 bei Herder das Buch „Ein Jahr in Moskau. Reise in den Alltag“.