Ich heiße Laxmi Lama und lebe mit meinen Eltern in Sankhamul, Kathmandu, einem „Squatter“. Das ist eine einfache Hüttensiedlung, in der sich arme Leute niederlassen. Meine Eltern kamen aus dem Dorf Talakhu im Nuwakot-Distrikt nach Kathmandu, um hier Arbeit zu suchen. Ich bin in Kathmandu geboren und aufgewachsen und fühle mich als Stadtkind. Bisher war ich auch nur einmal im Dorf meiner Eltern: auf der Hochzeit einer Verwandten. Ich habe zwei ältere Schwestern und einen großen Bruder. Meine beiden Schwestern sind schon verheiratet. Meine Eltern sind Buddhisten, aber wir wurden ebenso in der hinduistischen Kultur aufgezogen. Wir besuchen deshalb auch die Hindutempel und feiern die hinduistischen Feste.
Mein Vater diente in der Königlichen Armee Nepals, allerdings hatte er einen niederen Rang, so dass er nicht genug verdiente, um die ganze Familie zu ernähren und die hohe Miete in Kathmandu bezahlen zu können. Meine Eltern zogen deshalb in den Squatter und bauten eine kleine Hütte. Inzwischen ist mein Vater pensioniert und bekommt eine kleine Rente. Mein Bruder verdient etwas Geld durch einen Job an seiner Schule. Auch meine Mutter hat in dieser Schule eine Arbeit als Reinigungskraft gefunden, was unsere Situation verbessert hat. Wir können jetzt genug zu essen kaufen. Als wir klein waren, mussten wir manchmal mit leerem Magen ins Bett gehen.
Ich bin in der neunten Klasse der Daleki Schule, eine Einrichtung der „Vicky Sherpa Eduqual“ Stiftung, wo ich weder Schulgebühren bezahlen noch für andere Ausgaben aufkommen muss. Für mich gibt es nur einen Tag, an dem ich „Wochenende“ habe, das ist der Samstag. An diesem freien Tag nehme ich ein Bad, wasche die Wäsche und mache das Haus sauber. Ich bete und zünde für Buddha und andere Götter und Göttinnen eine Lampe an. Dann koche ich Essen für meine Eltern: Sie sollen sich ausruhen, wenn ich zu Hause bin. Am Nachmittag lerne ich noch.
Gerne würde ich regelmäßig mit meinen Freunden ausgehen oder ins Kino gehen, aber meine Eltern können mir kein Taschengeld geben. Deshalb weiche ich meinen Freunden meist aus, wenn sie mich fragen, ob ich mitkomme, und sage einfach, dass ich keine Lust habe. Ich würde meinen Freunden nie sagen, dass ich nicht ausgehen kann, weil ich kein Geld habe.
Von Politik verstehe ich nicht viel. Aber den Wahlkampf zur Verfassungsgebenden Versammlung 2008 habe ich begeistert verfolgt. Viele politische Parteiführer und Kader kamen zu uns und warben um Stimmen. Die Leute versammelten sich vor ihren Häusern und diskutierten über Politik und die Parteien. Einige der führenden Politiker hielten sogar Reden bei uns. In unserer Gegend unterstützen viele Leute die Maoisten und wählten sie. Auch ich ließ mich mitreißen, als ich die Rede des Maoistenführers Prachanda hörte. Ich war glücklich, als ich ihn nach seinem Wahlsieg mit einer Blumenkette um den Hals im Fernsehen sah. Ich glaube, dass die Maoisten für Leute wie uns etwas verändern können. Aber ich weiß auch, dass Politiker korrupt sind und nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Meiner Meinung nach sollten Politiker armen Menschen helfen und sich für das Volk einsetzen.
Vor der Wahl versprachen uns die Maoisten Trinkwasser für unser Viertel, da wir es immer von sehr weit herholen mussten. Sie haben ihr Versprechen gehalten und einen riesigen Plastiktank bei uns aufgestellt, den die Wasserbehörde zweimal in der Woche füllt. Die Maoisten haben auch einen Deich um unseren Squatter herumgebaut. Da dieser nah am Fluss liegt, hatten wir während des Monsuns immer Überflutungen zu befürchten. Jetzt sind wir sicherer.
In meiner freien Zeit helfe ich als Freiwillige bei Gesundheits- und Hygiene-Programmen in unserem Squatter mit. Ich versuche die Menschen davon zu überzeugen, dass wir unsere Häuser und unsere Umwelt sauber halten müssen. Ich bin auch Teil einer Mädchen-Teenager-Gruppe, die „Jyoti Kishori Samuha“ heißt. Die Gruppe wird von einer lokalen NGO unterstützt. Bei Jyoti Kishori Samuha habe ich auch Aufklärungsunterricht bekommen. Ich habe Kinder mit HIV/AIDS kennen gelernt und weiß jetzt, dass das Virus nicht übertragen werden kann, wenn man mit Infizierten gemeinsam isst, mit ihnen zusammen sitzt oder ihnen die Hand gibt. Alles was ich über HIV/AIDS weiß, erzähle ich anderen Kindern in meiner Gegend und in anderen Squattern weiter, auch, was ich über Mädchenhandel erfahren habe.
Der schönste Ort, an dem ich je gewesen bin, ist ein weißes Kloster in der Nähe des Affentempels in Kathmandu. Letzten Oktober war ich mit meinen Freunden dort. Als wir da ankamen, fühlte ich mich wie in einem fremden Land, vielleicht China. Es war dort so wunderschön und friedlich. Das Kloster hat einen großen Garten und alles ist sehr sauber. Ich würde gerne in der Nähe des Affentempels in einem kleinen Haus leben.
Protokolliert von Sangeeta Lama
Aus dem Englischen von Andrea Heß




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