Bauchtanz und Improvisation

Sofia de Brea Dulcich
Die Argentinierin Sofia de Brea Dulcich über das Künstlerleben in Buenos Aires und wie man sich älter macht
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Ich finde es langweilig, aufs Wirtschaftsgymnasium zu gehen. Ich interessiere mich nicht sehr so für Wirtschaft. Ich würde mich in der Schule viel lieber mehr mit Kunst beschäftigen. Das wusste ich aber noch nicht, als die Grundschule plötzlich vorbei war und meine Eltern eine weiterführende Schule für mich aussuchten. Jetzt kurz vor dem Abitur die Schule zu wechseln, macht keinen Sinn mehr. Deshalb habe ich mich mit der Situation abgefunden. Auch liegt das nächste Kunstgymnasium zu weit weg von zu Hause und meine jetzige Schule bereitet mich sehr gut auf die bekanntermaßen schwere Aufnahmeprüfung für die Uni vor. Meine Schule ist halb privat, halb staatlich. Das heißt, der Unterricht fällt selten aus, weil die Lehrer streiken. Fünf Wochen lang hatten im September vergangenes Jahr die öffentlichen Schulen geschlossen. Schuld daran war der Staat, der es versäumt hatte, seinen Beamten die Gehälter zu zahlen.

Trotz der Probleme im argentinischen Bildungswesen will ich Grundschullehrerin werden. Nebenbei möchte ich mich weiterhin meiner großen Leidenschaft, der Schauspielerei widmen. Die Amerikanerin Drew Barrymore ist mein Vorbild, weil sie so authentisch wirkt. Aber trotzdem gehe ich das ganze entspannt an: Von Zuhause weiß ich ganz gut, wie kompliziert das Künstlerleben in Argentinien ist. Meine Eltern haben beide Schauspiel studiert. Zurzeit unterrichtet meine Mutter an einer staatlichen Schauspielschule und gibt im Krankenhaus Workshops für krebskranke Kinder. Mein Vater konnte sich nie als Schauspieler verwirklichen. Stattdessen schreibt er Theaterstücke und Drehbücher fürs Kino. Finanziell lohnt es sich am meisten beim Fernsehen. Leider spielt dort das Talent oft keine Rolle, sondern nur das Aussehen. In Buenos Aires gibt es aber sehr viele unabhängige Theater, die zwar klein und unterfinanziert sind, doch trifft man dort auf viele Gleichgesinnte.

Nach dem Schulunterricht gehe ich zum Bauchtanz und drei Mal in der Woche besuche ich Schauspielkurse. Im Schauspielunterricht machen wir gerade Improvisationsübungen. Im letzten Kurs sollte ich ein Mädchen spielen, das mit dem Freund ihrer Schwester eine Affäre hat. Im echten Leben habe ich zwar keinen Freund, aber die Rolle kam mir trotzdem nicht zu heftig vor. Meiner eigenen Schwester würde ich allerdings nie ihren Freund ausspannen. Obwohl ich ganz schön frech sein kann! So habe ich schon mal versucht, einen zehn Jahre älteren Jungen zu verführen, dessen Charakter mich so fasziniert hatte. Er hat mich aber natürlich überhaupt nicht wahrgenommen.
In der Schule wird viel getratscht – vor allem über Jungs. Die meisten Geschichten sind erfunden. Darüber ärgere ich mich aber schon lange nicht mehr. Mit meinen Schulkameraden kann ich mich leider kaum über etwas anderes unterhalten. Hobbys haben sie keine. Den ganzen Nachmittag, den die Schüler in Argentinien meist frei haben, schlafen sie einfach. Allenfalls hängen wir mal zusammen auf der Straße ab. Wir wohnen alle in Barracas, einem Arbeiterviertel. Am Wochenende gehen wir in die Clubs im Palermo-Viertel und tanzen zu Cumbia Electrónica, eine Mischung aus Techno und der kolumbianischen Cumbia. Den Eintritt in die Clubs verschaffen wir uns mit gefälschten Schülerausweisen. Das machen viele Jugendliche. Bis auf meinen Vater stört das niemanden wirklich.

In Barracas fühle ich mich glücklich und wohl. Besonders sicher ist die Gegend allerdings nicht: Hinter der Schule fängt ein Elendsviertel an. Regelmäßig werden meine Freunde und ich von Jugendlichen auf der Straße um unser Taschengeld gebracht. Ich musste schon mal mein Fahrrad abgeben, andere ihr Handy. Deshalb wünsche ich mir mehr soziale Gerechtigkeit, damit die Gewalt auf der Straße endlich aufhört.

Die Zukunft stelle ich mir genauso von Konkurrenzkampf beherrscht wie bisher vor. Vielleicht werden andere Länder den Ton angeben, nicht mehr unbedingt die Vereinigten Staaten von Amerika. In einem bin ich mir aber sicher – auch wenn das jetzt pessimistisch klingen mag: Argentinien wird es ganz bestimmt nicht schaffen, die Führungsrolle zu übernehmen. Aber ich habe auch die große Hoffnung, dass wir Menschen bald bewusster und weniger „kapitalistisch“ mit unserem Planeten Erde umgehen werden. Denn anders geht es nicht.

Protokolliert und aus dem Französischen übersetzt: Elise Graton

Sofia de Brea Dulcich

Sofia de Brea Dulcich, geboren 1991 in Buenos Aires, lebt heute mit ihren Eltern in Barracas, einem Vorort der argentinischen Hauptstadt

Lieblingssong: keiner – Ich mag unterschiedliche Musik. Mein Lieblingssong ist von Tag zu Tag ein anderer ++ Lieblingsfilm: „The Holiday“ mit Cameron Diaz, Kate Winslet, Jude Law und Jack Black – eigentlich mag ich alle romantische Filme ++ Lieblingscomputerspiel: „The Sims“ ++ Lieblings-TV-Programm: Ich bin kein Fernsehfan, mag aber sehr gern die argentinische Telenovela „Lalola“ („Aus Lalo wird Lola“) ++ Lieblingsgericht: Pasta, vor allem mit Spinat und Käse gefüllte Caneloni ++ Lieblingsport: Tanz

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