Zwölf goldene Regeln für Auslandsreisende

von Dr. Dr. Franz Thierfelder, von 1951 bis 1960 Generalsekretär des Instituts für Auslandsbeziehungen

Die Auslandsfahrt. Handbuch für internationalen Jugendaustausch / Jakob Murböck (Hg.) – 3., Aufl. – München: Manz, 1952. – S. 228-232

1. Vergiß es nie: In Deutschland bist du ein Deutscher unter Millionen; im Ausland aber bist Du der Deutsche, nach dessen Worten und Taten der Fremde das Bild Deiner Nation formt.

Du sollst jenseits der Grenzen nichts tun, was Du auch zu Hause nicht tun darfst. Manche denken, im Ausland könne man über die Stränge schlagen, weil einen keiner kennt. Welcher Irrtum! Du wirst viel schärfer beobachtet als in der Heimat; beträgst Du Dich untadelig, so kannst Du Deinem Volk keinen größeren Dienst tun. Bist Du unhöflich, formlos oder flegelhaft, so haben vor allem die zu leiden, die nach Dir kommen. Weißt Du, was man von Dir erwartet? Daß Du treu, fleißig, ehrlich, arbeitsam, und sauber bist, daß Du Sinn für die höheren Werte des Lebens hast, Dein Heim pflegst und manches andere mehr. Das ist sehr viel. Manches verzeiht man anderen Nationen, nur nicht der unseren. Wir haben keinen Grund deshalb zu murren.

2. Verheimliche nicht, daß Du von deutschen Eltern stammst, aber sorge dafür, daß der Ausländer von dieser Tatsache angenehm überrascht wird.

Unter vielen Deutschen ist es Brauch, im Ausland alles abzulegen, was an ihre Herkunft erinnert. Man bedient sich der Muttersprache nicht mehr, auch dort nicht, wo sie verstanden wird, man ahmt fremde Gebräuche nach, man möchte nicht "mit seinen schrecklichen Landsleuten" in einen Topf geworfen werden. Man hat Minderwertigkeitsgefühle. Glaubst Du, der Fremde merkt das nicht? Vielleicht gefällt es ihm im Augenblick ganz gut, auf die Dauer aber wirst Du seine Achtung verlieren. Wenn Du dagegen ehrlich Rede und Antwort stehst, wie es Dich gelehrt wurde, wenn Du nicht Stolz, sondern Dankbarkeit bekundest, daß Du ein Deutscher bist, wenn in Dir nationale Bewußtheit und internationales Verbundensein zusammenstimmen, dann wird man insgeheim meinen, wir Deutschen seien ein gut Stück weitergekommen, und zwar zu unserem eigenen Gewinn.

3. Bist Du der törichten Ansicht, im Ausland sei alles schlechter als zu Hause, dann bleibe daheim; glaubst Du, in der Fremde sei alles besser, dann kehre nicht wieder zurück.

Du kennst die zwei Sorten von Mitmenschen: die einen, die das Fremde verhöhnen, weil sie es nicht verstehen – und die anderen, die das eigene Nest beschmutzen, um sich lieb Kind zu machen. Beide sind es gewesen, die den guten Ruf des Deutschen jenseits der Grenzen ruiniert haben. Es war nie eine Schande, Deutscher zu sein – aber gewiß war es auch nie ein Vorzug. Die Volkszugehörigkeit ist uns in die Wiege gelegt worden, und es ist nicht unser Verdienst, wenn sie bedeutende Männer der Vergangenheit vergoldet haben. Sich ihrer würdig zu erweisen, hat uns das Schicksal aufgetragen. Daß Dir in der Heimat vieles besser gefällt als im Ausland, ist Dein gutes Recht. Aber dieses Recht darf auch der Fremde für sich beanspruchen. Glaube doch nicht, daß Dein Geschmack für alle anderen gälte! Vieles, was Dich in der Fremde zunächst verwundert, wirst Du im Laufe der Zeit verstehen lernen; was Dir aber unbegreiflich bleibt, nimm hin, wenn Du siehst, daß es anderen teuer ist.

4. Ziehst Du durch fremde Länder, dann sorge dafür, daß sie von Deiner Schweigsamkeit widerhallen; je stiller Du bist, um so lauter werden die anderen reden.

Der Deutsche glaubt so gern, er sei zum Herold seines Vaterlandes berufen. Täte er nicht klüger, die Ausländer Deutschland rühmen zu lassen? Unbekümmert und ohne gefragt zu sein, geben wir unsere Ansicht kund, anstatt in die Welt hineinzulauschen. Liegt Dir wirklich daran, daß das ganze Abteil an Deinen Gesprächen teilnimmt, daß sich im Restaurant die Gäste an den Nachbartischen umschauen, wenn Du den Mund auf tust? Willst Du ein Volk in seinem Wesen kennen lernen, dann mache Augen und Ohren, aber nicht den Mund auf.

5. Kleide Dich so, daß Dich niemand bemerkt; aber setze Dir keinen Fes auf.

Natürlich weiß ich, wie schön es ist, in der kurzen Wichs, barhäuptig und offenen Hemdes in die Welt zu wandern; aber die Jugendbewegung vor dem ersten Weltkrieg, die uns diesen freien Lebensstil bescherte, ist vielen Ländern unbekannt geblieben. "So ziehen bei uns nur die Zigeuner und Bettler ihres Weges", sagte mir ein Kroate kopfschüttelnd, als er Wandervögel dahinschwirren sah. Unbekannt ist auch die soziale Wandlung Deutschlands geblieben. Man kann nicht in Nagelschuhen auftreten, wo andere den Cutaway fordern. Trotzdem darfst Du an Deiner Kleidung den Deutschen erkennen lassen. Trage ruhig die Aktentasche anstatt des Köfferchens. Das ist jedenfalls weniger fatal, als wenn Du in Smyrna den Fes trägst und doch nur aus Firma stammst.

6. Singe gern, wenn man Dich darum bittet, aber singe nur dann!

Vielerorts denkt man, jeder Deutsche sei musikalisch. In dieser Hinsicht traut man uns allerlei zu. Vielleicht sind wir in der Musik wirklich stärker als viele andere Nationen. Warum dann aber das Gröhlen in vorgerückter Stunde? Warum der sentimentale Schmachtfetzen anstelle des echten Volksliedes? Ist es richtig, daß die Liedertexte bei uns rasch aussterben und wir mit Mühe und Not noch die erste Strophe zusammenbringen – wir, das Volk Bachs, Beethovens und Bruckners? Ich muß es selbst gestehen, ich bin vor Dänen errötet, die die Strophen deutscher Lieder fehlerfrei vortrugen. Im übrigen: Drei Deutsche sind noch lange kein Gesangverein; niemand erwartet, daß sie sich musikalisch produzieren.

7. Suche nicht dort aufzutrumpfen, wo Dir der Fremde überlegen ist; wo aber DU überlegen bist, lasse Dich lächelnd besiegen, auf daß Du verläßliche Freunde gewinnest.

Ich saß einmal mit einem deutschen Architekten in dem Speisesaal eines dalmatischen Küstendampfers. Dieser hatte die Stadt Split besucht und die dortigen Stadtrandsiedlungen besichtigt. Er begann ein lautes Gespräch, in dem er die Pläne der Stadtverwaltung lächerlich machte, dabei aber von deutschen Verhältnissen ausging, die in Jugoslawien beim besten Willen nicht paßten. Kein Mensch widersprach ihm. Aber alle Anwesenden verstummten, und so wurde der eifernde Baumeister zu einer lächerlichen Figur.
Auf derselben Reise unterhielt ich mich mit einem Kroaten, der mich bat, ihm offen meine Meinung über den kroatischen Volkscharakter zu sagen. Ich tat es und suchte alle guten Eigenschaften zusammen, die mir bekannt waren. Da begann er mir zu widersprechen und entwarf ein sehr negatives Bild. Ich wußte, daß er nicht Unrecht hatte, stimmte ihm zwar nicht zu, dankte ihm aber für seine wertvolle Belehrung. Er war darüber glücklich, obwohl er nicht daran zweifeln konnte, daß er mir nichts Neues gesagt hatte.

8. Denke daran, daß nur die Namen der Tugenden und Laster in andere Sprachen übersetzt werden können; was sie wirklich bedeuten, mußt Du in jedem Lande von neuem erfahren.

Freundschaft und Höflichkeit in Spanien sind etwas anderes als in Deutschland. Der Zeitbegriff im Orient ist anders als der im Abendland. Wenn Du Deinen sportlichen Ehrgeiz befriedigen willst, gehst Du vielleicht auf den Fußballplatz; der Balkanier befriedigt das gleiche Bedürfnis im Handel. Wenn Du mit ihm ein Geschäft machen willst, trittst Du mit ihm in einen Wettkampf ein, bei dem es um den Preis der Ware geht. Wenn Dir der Brasilier etwas für "morgen" verspricht, bedeutet das häufig, daß er Deine Bitte ablehnt. Wenn Du in Deutschland Dich nach dem Befinden der Frau Gemahlin erkundigst, wird man dich für einen wohlerzogenen jungen Mann halten; in Albanien findet man das taktlos; Du kannst sogar in eine gefährliche Lage geraten. Jedes Volk hat seine eigenen Sitten; sie unterscheiden sich von den deutschen so wesentlich, daß ein bestimmtes Wissen nötig ist, damit Du keinen Fehltritt begehst. Deshalb laß Dich von Landeskundigen belehren, ehe Du auf Reisen gehst.

9. Was Dir bei fremden Völkern merkwürdig vorkommt, bemühe Dich zu verstehen; gelingt Dir das nicht, so suche den Grund dafür zuletzt bei den fremden Völkern.

Niemand verlangt von Dir, daß Du Dir den fremden Lebensstil zu eigen machst; aber es lohnt sich, daß Du ihn in seinen tieferen Ursachen zu verstehen suchst. Der Spanier liebt die große Geste; indem er Dir eine Liebenswürdigkeit sagt, fühlt er sich, selbst erhoben. Der Serbe ist höflich, weil er unter der türkischen Fremdherrschaft gelernt hat, sich hinter der Höflichkeit vor dem Feind zu verbergen. Haben wir ein Recht, ihn deshalb falsch zu nennen, oder den Spanier unwahrhaftig? Der Brasilier mag Dich nicht durch eine schroffe Ablehnung kränken, er will Dir "das Gesicht" nicht nehmen; er gleicht dem Chinesen, dessen alte Kultur ein ganzes System von Vorsichtsmaßnahmen entwickelt hat, um im Alltagsleben Ecken und Kanten abzuschleifen. Hast Du Dein Gesicht verloren, ist es mit Deinem bürgerlichen Ansehen dahin. Manches bleibt unverständlich: daß Du unter gewissen Umständen Geschenke zurückgeben mußt, die Du eben erhalten hast, daß Du begreifen sollst, daß Tierquälerei sich mit Frömmigkeit verträgt, daß man dem Leidenden nicht helfen soll, weil man sonst seine Entwicklung zur inneren Vollendung unterbricht – aber alles hat einen letzten Sinn. Ihn zu entdecken ist eine schöne Aufgabe, die Dir das Leben unter fremden Völkern stellt.

10. Erhebe im Ausland den Finger nur, um zu lernen, nie um zu lehren!

Du sollst den Finger erheben, um zu fragen – aber Du sollst Deine Umwelt nicht schulmeisterlich belehren. In jedem Deutschen steckt ein Stück Lehrer; das ist keine Schande. Im Gegenteil: unsere pädagogische Begabung hat unsere Weltstellung nicht zuletzt mitbegründet. Aber unerbetene Lehren nimmt niemand gern an. Lehren sollst du nur dort, wo Du eine Verantwortung für den Schüler übernommen hast. Im Ausland dagegen bist Du in erster Linie nur für Dich verantwortlich. Ob das lange Wochenende der Angelsachsen oder der Mangel an Arbeiterschutz in Amerika einen Vorteil oder ein Schaden ist, geht Dich nichts an. Genieße das eine und treffe unter Umständen Vorkehrungen gegen das andere. Reformiere in Deiner fremden Umwelt nicht, lieber Freund! Dies ist vielleicht der beste Rat unter diesen goldenen Regeln.

11. Sei auf Reisen sparsam, aber nicht geizig; trinke weniger als der Gastgeber, damit Dir um so mehr Zeit bleibt, seine Gastlichkeit zu rühmen!

Der Deutsche reist gern und als Verbraucher ist er nicht unwillkommen. Er läßt gern etwas springen, denn wenn er mühsam das Jahr über als Angestellter, Beamter oder Arbeiter gespart hat, möchte er auch mal für ein paar Wochen Herr über Zeit und Geld sein. Aber hier eben liegt eine Gefahr. Mit seiner "Herrlichkeit" ist es meist nicht weit her, und so wird die große Geste leicht Angeberei, und wer gestern hundert Mark auf den Kopf gepocht hat, sucht heute das Geld am Trinkgeld zu sparen. Tatst Du übrigens wirklich gut, Dir gestern einen Rausch anzutrinken? Vielleicht meinst Du, der Gastgeber hat es auch getan, aber ich sehe, Du wirst unsicher – über der letzten Stunde liegt ein gewisser undurchdringlicher Nebel. Weißt Du noch, was Du zuletzt gesagt hast? Die Deutschen, sagt man, seien unmäßig. Das ist leider wahr, und deshalb sind soviel Worte gesprochen worden, die dann später bitter bereut werden mußten.

12. Der Fremde mag sich noch so sehr vermummen in allerlei nationale Trachten: In der Stunde der Gefahr oder im Augenblick der Liebe vergiß nicht, daß auch er nur ein Mensch ist wie Du!

Mit allem, was Du soeben gelesen hast, wird immer wieder das Wort bestätigt: "... und was bleibt, ist der Mensch!" Es scheint, daß das nationale Ordnungsprinzip innerhalb der Menschheit vom Schöpfer für notwendig gehalten wurde. Es bringt die Spannungen in die Menschheit, ohne die ein Vorwärts und Aufwärts nicht möglich wäre. Aber es ist eben nur ein Ordnungsprinzip – wie die Uniform oder das Einwohnermeldeamt. Letztlich wirst Du die tiefe Weisheit des indischen Wortes "tat tvam asi" im Verkehr mit anderen Völkern an Dir selbst erfahren. "Das bist Du", heißt es auf deutsch. Auch im Fremden, gleichgültig welchen Bekenntnisses, welcher Rasse oder nationalen Zugehörigkeit, entdeckst Du den Mitmenschen wieder, und häufig genug wirst Du finden, daß es nicht der eigene Volksangehörige war, dem Du die beglückendsten Stunden Deines Lebens verdankst, sondern jemand, der Dir sehr fremd war, als Du ihn das erste Mal trafst.

Quelle: Die Auslandsfahrt. Handbuch für internationalen Jugendaustausch / Jakob Murböck (Hg.) – 3. Aufl. – München: Manz, 1952. – S. 228-232

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