Foto: Larisa Birta (CC0), via unsplash

Musik als Weg zur Weltgemeinschaft

Beim Festakt des 100-jährigen ifa-Jubiläums am 10. Januar 2017 dirigierte Mark Mast das Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie. Sein hier veröffentlichter Beitrag erscheint im März 2017 in der von Roland Bernecker und Ronald Grätz herausgegebenen Publikation "Global Citizenship".

Von Mark Mast

In Zeiten globaler Herausforderungen wie Religionskriegen, Hungersnöten, Migration, Erderwärmung etc. stellt sich mir als Dirigent die Frage, welchen Beitrag die Musik auf dem Weg zu einer Weltgemeinschaft leisten kann, ja, ob die Musik nicht ein Weg zur Weltgemeinschaft sein könnte. Und aus der Sicht eines überzeugten Europäers: Europa ringt um seine Werte. Europa ringt um seine Perspektive. Europa ringt um seine Zukunft. Was bedeutet vor diesem Hintergrund die Idee einer "global citizenship"? Wie steht es um die Perspektiven einer Weltgemeinschaft? Welchen Beitrag kann die Musik hier leisten? Für welche Werte steht die Musik?

Der Dirigent Hans von Bülow formulierte einst in freier Adaption eines zentralen Bibelwortes "Am Anfang war der Rhythmus". Und wir dürfen ergänzen "… und im selben Atemzug wurde der Mensch in Klang getauft". Zu den Urerfahrungen des Menschen gehört der Rhythmus, der Mensch ist förmlich aus und im Klang geboren, er ist Musik. Das bedeutet auch ganz praktisch, dass wir jenseits von Sprache und Intellekt, von Herkunft und Tradition, von Religion und Nationalität, durch Klang und Musik berührt und erreicht werden können. Musik verbindet uns und gibt uns Heimat. Im gemeinsam erlebten Rhythmus, im gesungenen Lied, in einem Dur- oder Moll-Akkord finden wir uns wieder. Wir erleben unsere kosmische Natur, und unsere elementarsten Gefühle und Gedanken finden dabei ihren Ausdruck.

Musik kann als beispielgebend für das Thema Global Citizenship verstanden werden: Dirigenten leiten weltweit international besetzte Orchester, Musiker unterschiedlichster Nationen spielen in aller Herren Länder zusammen, das musikalische Zusammenspiel ist über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg möglich und wird täglich so praktiziert. Und dabei ist ihre heilende und friedensstiftende Kraft nicht auf die aktiv Musizierenden beschränkt: auch der Zuhörer eines musikalischen Geschehens kann jederzeit ihre segensreiche Wirkung erleben und sich direkt berühren lassen.

Vom Ich und Du zum Wir

Jedes musikalische Geschehen, das immer in der Ruhe beginnt, entwickelt sich in der Zeit: harmonische, melodische und rhythmische Kontraste vieler Art bringen das musikalische Geschehen voran bis zu einem Punkt, an dem die Konfrontation nicht weiter wachsen kann. Nach diesem Punkt, dem Höhepunkt des Geschehens, werden alle Kontraste nach und nach aufgelöst und der Prozess kehrt zur Ruhe zurück. So erleben wir das Ende im Anfang. Und wir erleben – ohne es bewusst wissen zu müssen – wie aus immer neuer Dualität Einheit entsteht, friedlich, in vollem Respekt für die jeweils andere Position. Wir erleben die Ruhe vor dem musikalischen Geschehen und die Ruhe nach dem musikalischen Geschehen. Aber es ist eine andere, tiefere, friedlichere Ruhe. Wir sind nicht mehr dieselben. Wir sind durch Konfrontation, Konflikt, Auseinandersetzung hindurchgegangen und haben Frieden gefunden. Wir haben nichts ausgeblendet oder ignoriert, nein, wir haben allen Konfrontationen ins Auge geschaut und dabei unsere kosmische Natur erlebt. Das ICH und das DU sind sich begegnet – WIR ist entstanden.

Mark Mast, Intendant und Chefdirigent Bayerische Philharmonie © Bayerische Philharmonie
Mark Mast, Intendant und Chefdirigent Bayerische
Philharmonie © Bayerische Philharmonie

Menschen unterschiedlichster Herkunft können voraussetzungslos gemeinsam einen Rhythmus klatschen, eine Harmonie summen oder ein Lied singen. Diese Tatsachen sind die Grundlage für die – in Form einer Selbstverpflichtung formulierte – Mission der Bayerischen Philharmonie: "Die Bayerische Philharmonie verpflichtet sich, allen Menschen stets frei und frohen Mutes den Zugang zur erneuernden Kraft der Musik zu ermöglichen." Begegnung, Dialog, friedliche Auseinandersetzung mit dem Anderen – all das ist impliziert.

Und so entwickelt die Bayerische Philharmonie seit September 2015 das Projekt "Musik schafft Heimat", welches seit 2016 im Rahmen der bayernweiten Initiative "Integration und Toleranz" des Wertebündnis Bayern stattfindet. Dabei ist "Musik schafft Heimat" aber nicht einfach nur ein weiteres Projekt der Bayerischen Philharmonie, nein, es entspricht und spiegelt geradezu idealtypisch die DNA der Bayerischen Philharmonie und stellt neben dem künstlerischen und pädagogischen Wirken im Bereich des sozialen Engagements eine wichtige Säule dar. Ein wesentlicher Begriff, der in seiner Bedeutung aus meiner Sicht noch nicht ausreichend gewürdigt und erkannt ist, ist in diesem Zusammenhang das "Schlüsselerlebnis". All unser Erleben spielt sich immer im einzelnen Moment, im Jetzt ab. Unser Erleben ist quasi eine unendliche Kette von Erlebnissen. Ein Schlüsselerlebnis ragt nun aus der grauen Masse des Erlebten durch seine Einmaligkeit, seine Unmittelbarkeit, seine horizonterweiternde Wirkung, seine Ich-auflösende Kraft oder Ähnliches heraus. So kann sich jeder von uns zum Beispiel an den ersten Kuss erinnern, das erste Verliebtsein, ein besonderes Erlebnis beim Sport oder besondere Erfolgs- oder Misserfolgserlebnisse in der Schule, im Studium oder im Beruf. Und immer handelt es sich um einen einzelnen Moment, einen Schlüsselmoment. Dabei geht es stets um den Einzelnen, das Individuum. Um mich also.

Wenn man gemeinsam musiziert, schießt man nicht aufeinander

Musizieren ebenso wie Musikerleben ist nun in der Lage, jeden Menschen voraussetzungslos (und damit ohne große Hürden) und unmittelbar zu erreichen, ihm Schlüsselerlebnisse zu ermöglichen. Dabei ist das Wesen der Musik und ihres Erlebens versöhnlich und heilend, ja geradezu friedenstiftend. Deshalb wäre es so wichtig, in Musik zu investieren, in Instrumentalunterricht, Musikschulen, Musikhochschulen und Ensembles. Wir sollten in Orchester und Chöre, Blaskapellen und Akkordeon-Orchester, Oud- und Trommelensembles investieren – denn, wie es schon in einem bekannten Kanon heißt: "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder." In einer Weiterentwicklung des Gedankens könnte man sagen: "Wo musiziert wird, da entsteht Frieden und respektvolle Begegnung, im Einklang mit der eigenen Herkunft und den eigenen Bedürfnissen." Ich behaupte, wenn man gemeinsam musiziert, dann schießt man nicht aufeinander.

Überall auf der Welt wird musiziert und überall entstehen seit Jahren immer wieder neue musikalische Initiativen zur Völkerverständigung. Das leuchtendste Beispiel ist hierbei sicherlich das "West-Eastern Divan Orchester", das von Daniel Barenboim und Edward Said gegründet wurde. Das einmalige Potential der Musik macht sich auch eine Initiative von Jeunesses Musicales International zunutze bei ihrem Projekt "Ethno". Hier treffen sich Menschen unterschiedlichster Ethnien und musizieren beziehungsweise ahmen gegenseitig nach. Begegnung auf unmittelbarste Art und Weise.

Das Projekt "Musik schafft Heimat" hat somit eine mehrfache Bedeutung für Jeden von uns: wir finden unsere kosmische Natur in der Musik wieder und kehren somit zu unserer Heimat zurück, und Heimatvertriebene können mit ihrer Musik dem Neuen begegnen und somit gleich doppelte Heimat finden, im Äußeren wie im Inneren. Die Musik gehört somit als zentrales Element in das Leitbild einer "weltbürgerschaftlichen Bildung". Unmittelbarer, direkter, günstiger wirkt keine Disziplin auf uns Menschen. Diese Kraft und einmaligen Möglichkeiten sollten wir verstärkt nutzen und unser Weltbürgertum als niemals endendes symphonisches Musizieren begreifen. Und in die Musik stimmen der Tanz und die Festlichkeit der Sprache ein, und wir werden verwandelt und unsere göttliche Natur tritt zum Vorschein – friedlich und dabei voller Liebe und Würde.

Musik schafft Heimat – Musik stiftet Frieden

Global Citizenship. Perspektiven einer Weltgemeinschaft / Roland Bernecker, Roland Grätz (Hg.). – Göttingen: Steidl, 2017. – 192 S.

Aus: Global Citizenship. Perspektiven einer Weltgemeinschaft / Roland Bernecker, Roland Grätz (Hg.). – Göttingen: Steidl, 2017. – 192 S.

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