Foto: Frank Kleinbach / ifa

"Ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen."

Anne Haeming über Gülsün Karamustafa

Drei mit einem weißem Stofffetzen aneinander gewickelte Silberlöffel, die auf dem Boden liegen - damit fing alles an, damals, 1994. "Heimat ist, wo man isst", heißt dieses Werk, mit dem die Zusammenarbeit zwischen dem ifa und Gülsün Karamustafa begann, als ihre Arbeit zum ersten Mal im Rahmen einer Gruppenausstellung in der ifa-Galerie gezeigt wurde.

Und der Kontext, in dem diese Löffel nun 2016, fast 20 Jahre später, zu sehen sind, demonstriert, welche Bedeutung die türkische Künstlerin inzwischen hierzulande hat: Die Arbeit ist Teil ihrer ersten großen Retrospektive außerhalb der Türkei, nämlich im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin.

Dass das ifa eine Sonderstellung in ihrer Karriere einnimmt, erklärt sich nicht nur aus der "Kontinuität" und "Loyalität" dieser Beziehung, die Karamustafa immer wieder betont. Es ist vor allem die Haltung der Institution, die ihrer Meinung nach Vorbildcharakter hat: "Damals, in den Jahren nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges, verschob sich auch in der Kunstwelt der Fokus auf einmal vom Zentrum zur Peripherie - ein Paradigmenwechsel, bei dem das ifa eine essenzielle Rolle spielte", sagt die 1946 geborene Künstlerin, die sich in ihren Arbeiten auch mit Migrationsidentitäten auseinandersetzt.

Wie sehr sie sich dem ifa verbunden fühlt, wird klar, wenn sie über die Installation Etiquette spricht, die sie 2011 zum 40-jährigen Jubiläum der Stuttgarter Galerie schuf. "Es war das erste Mal, dass ich sie nach der Renovierung sah", erzählt Karamustafa. "Ich betrat diesen großen, lichtdurchfluteten, offenen Raum, und dieser Augenblick inspirierte mich so, dass ich wusste, was ich für das Jubiläum machen würde." Sie stellte einen riesigen Tisch in die Mitte, 18 Meter lang. Die freigelegten Rohre und die tragenden Säulen strukturierten den Raum drumherum wie ein Muster.

"So ein großer Esstisch hat etwas Feierliches", sagt Karamustafa. "Er ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, sich kennenlernen und Ideen austauschen - wie das ifa selbst."

Gülsün Karamustafa (geboren 1946 in Ankara) hat die zeitgenössische Kunst der Türkei geprägt wie keine Zweite. Ihr OEuvre umspannt über 40 Jahre, die Vielfalt ihres Ausdrucks ist enorm. Karamustafa nutzt Malerei, Skulptur, Installation, Video und Performance, immer wieder durchwoben mit popkulturellen Elementen, um Themen wie Migration, Gender oder die Geschichte der Türkei zu behandeln. Sie lebt in Istanbul.

Anne Haeming ist Kulturjournalistin und lebt in Berlin.