Stuttgart nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948 © Stadtarchiv Stuttgart

Selbstfindung mit Umwegen – Das ifa nach 1945

Wenn es um die Anfänge des ifa (Instituts für Auslandsbeziehungen) geht, wird gern Theodor Heuss zitiert. Der sprach 1951 begeistert vom neu gegründeten ifa als einer bundesdeutschen "Elementarschule für den Verkehr mit dem Ausland", einem künftigen "Umschlagplatz" im kulturellen Geben und Nehmen. Nicht mehr außenpolitisches Instrument, sondern selbstständige Plattform für Völkerverständigung sollte die Einrichtung sein.

Von Peter Ulrich Weiß

Sowohl damals wie heute klingt diese Bestimmung visionär und zitierfähig. Doch wer die Schlagwortreihung zum Ausgangspunkt einer stringenten Erfolgsgeschichte nehmen will, sollte zugleich darauf hinweisen, dass die Nachkriegsgeschichte des ifa lange Zeit politisch und programmatisch von Unsicherheiten und vom Erbe der NS-Epoche geprägt war. Es war durchaus nicht selbstverständlich, dass die Vorgängerorganisation Deutsches Ausland-Institut (DAI) nach 1945 unter ihrem alten Namen weiterbestehen konnte. Heute ist hinlänglich belegt, dass das aus 130 Mitarbeitern bestehende DAI im "Dritten Reich" keineswegs unbelastet geblieben war. Davon gingen auch die Alliierten aus. Eine Vielzahl falscher Leumundsbekundungen und geschönter Darstellungen vermochte den Behörden jedoch vorzugaukeln, es handle sich um eine politisch harmlose Einrichtung. Einer Handvoll verbliebener Mitarbeiter gelang es, im Nachkriegschaos etliches an Inventar und Altkontakten zu retten. Doch in kulturpolitischer Hinsicht war die Arbeit des Instituts ein unbeachtetes Dümpeln in der deutschen "Trümmergesellschaft".

Erzwungene Umbenennung

Bundeskanzler Konrad Adenauer (rechts) im Gespräch mit Bundespräsident Theodor Heuss am Rande der Eröffnung des Bundesverfassungsgerichts, 28. September 1951 © Bundesarchiv / Bundesbildstelle
Bundeskanzler Konrad Adenauer
(rechts) im Gespräch mit Bundes-
präsident Theodor Heuss am Rande der
Eröffnung des Bundesverfassungs-
gerichts, 28. September 1951
© Bundesarchiv / Bundesbildstelle

Der Einschnitt kam mit der Gründung der Bundesrepublik – auch symbolisch. Als man neben dem Logo noch den Namen ändern wollte, wurde zunächst einmal Widerspruch laut. Politiker wie Heuss und andere argumentierten dagegen, mit Verweis auf Tradition und internationale Erkennbarkeit. Erst die württembergisch-badische Landesregierung erzwang unter Androhung, das Stuttgarter Institut weder zu fördern noch anzuerkennen, die Umbenennung zum 5. Juli 1949. Dennoch dauerte es anschließend zwei Jahre bis zur feierlichen Einweihung des neuen Instituts und seiner Räumlichkeiten.

Der Gestus der Erneuerung bestimmte die Anfangsschritte. Zum ersten ifa-Generalsekretär wurde Franz Thierfelder berufen. Doch eine Stunde null bezeugt diese Maßnahme nicht. Der umtriebige Thierfelder gehörte zu den schillerndsten und zugleich widersprüchlichsten Akteuren jener Zeit. Als Generalsekretär der Deutschen Akademie mit Schwerpunkt "Erforschung und Pflege des Deutschtums" hatte er sich in den 1930er Jahren der NS-Ideologie angepasst und in diesem Sinne auch sprachpolitisch publiziert. Leidenschaftlich kämpfte er nach 1945 für die Wiederherstellung der Akademie und platzierte sich in verschiedenen kulturpolitischen Kreisen und Institutionen, unter anderem im Vorstand des Goethe-Instituts. Sein Wirken steht stellvertretend für die Nachkriegsgeschichte der bundesdeutschen Außenkulturpolitik, deren Dynamik vor allem aus dem Handeln von Einzelpersönlichkeiten und deren Netzwerken erwuchs.

Der Abschied vom Auslandsdeutschtum

Das Institutsgebäude nach dem Wiederaufbau, 1948 © ifa-Archiv, Fellbach
Das Institutsgebäude nach dem Wiederaufbau, 1948
© ifa-Archiv, Fellbach

Thierfelder, der wie viele andere "Volkstumsforscher" die Entnazifizierung unbeschadet überstanden hatte, verwarf nun alte Vorstellungen und wurde Botschafter des Neuen: "Das Fremde verständlich zu machen und das Eigene der fremden Welt nahe zu bringen: dies ist der tiefste Sinn des Instituts für Auslandsbeziehungen", erklärte er in der ersten Ausgabe der hauseigenen "Mitteilungen". Den früheren Glauben, das "Auslandsdeutschtum" könne als Brücke zum Fremden dienen, bezeichnete er hingegen als "wohlgemeinten Irrtum". So polemisierte er denn auch gegen den 1955 wiederbelebten "Verein für das Deutschtum im Ausland", dessen rückwärtsgewandtes Deutschlandbild er ablehnte. Es war eine Mischung aus inhaltlicher Überzeugung und politischem Kalkül, die ihn, der das Amt bis 1960 bekleidete, in seinem Tun antrieb und als gewandelten Vertreter fortschrittlicher Außenkulturpolitik auswies. Die Abkehr von der Vergangenheit wurde im Auswärtigen Amt positiv aufgenommen und mit existenzsichernden Zuschüssen honoriert. Gleichwohl blieb die finanzielle Ausstattung des ifa über Jahre bescheiden.

Auswandererberatung, eigene Zeitschrift, Ausbau der Bibliothek, Auslandsversand von Büchergaben, Organisation von Ausstellungen – die ersten Aufgaben klangen vielfältig. Tatsächlich jedoch blieb nach der Gründungseuphorie der Wirkungsgrad begrenzt. Die Schwierigkeiten waren immens: weggebrochene Beziehungen und Kontakte, insbesondere nach Osteuropa; Hemmnisse und Barrieren durch NS-Vergangenheit und Kalten Krieg; eine Außenpolitik, die der Kultur nur wenig Bedeutung beimaß; programmatische Profilschwankungen und Umorientierungen; inhaltliche Überschneidungen und Konkurrenz mit anderen Mittlerorganisationen, insbesondere dem Goethe-Institut; geringer finanzieller und personeller Spielraum; eingeschränkte Sichtbarkeit im Ausland. Die Suche nach der Prägekraft und der eigenen Stimme im kulturpolitischen Konzert hielt bis weit in die 1960er Jahre hinein an – typisch für den langen Weg, den die Auswärtige Kulturpolitik vom "zweiten Gleis zur dritten Bühne" (Frank Trommler) ging. Dieser Umstand führte auch dazu, dass bis heute nur selten die Rede vom ifa ist, wenn es um die Außenpolitik-Geschichte der Bundesrepublik geht. Hier könnte ein Blickwechsel Abhilfe schaffen. Das ifa als Teil der Demokratisierungsgeschichte westdeutscher Institutionen und Eliten: da gäbe es viel zu erzählen.

Peter Ulrich Weiß ist Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Er promovierte über die Geschichte der deutsch-deutschen Kulturkonkurrenz in Rumänien während des Kalten Krieges. Weiß lebt in Potsdam.

WEITERFÜHRENDE THEMEN

Grundsteinlegungsfeier für das Haus des Deutschtums, Sitz des DAI. Theodor G. Wanner hält die Begrüßungsrede, 28. Mai 1924 © Bundesarchiv Koblenz

Die ersten Jahre

1917 wurde das Deutsche Ausland-Institut gegründet. Seine eigentliche Arbeit begann jedoch erst nach dem Ersten Weltkrieg. Von Kurt Düwell [+]


Umzug zum Tag der Arbeit vor dem Hotel Silber (Zentrale der Gestapo für Württemberg) und dem DAI in der Dorotheenstraße, 1. Mai 1933 © Stadtarchiv Stuttgart

Das DAI von 1933 bis 1945

Gleichschaltung und Aufstieg des Deutschen Ausland-Instituts während des Dritten Reichs. Von Katja Gesche [+]


Die Auslandsfahrt. Handbuch für internationalen Jugendaustausch / Jakob Murböck (Hg.) – 3., Aufl. – München: Manz, 1952. – S. 228-232

Zwölf goldene Regeln

Franz Thierfelder, ifa-Generalsekretär 1951-1960, erklärt, wie sich Deutsche auf Reisen im Ausland verhalten sollten. [+]