Grundsteinlegungsfeier für das Haus des Deutschtums, Sitz des DAI. Theodor G. Wanner hält die Begrüßungsrede, 28. Mai 1924 © Bundesarchiv Koblenz

"Uns verbindet eine geistige Wahlverwandschaft"

Die Gründung des Deutschen Ausland-Instituts (DAI), "Vorläufer" des nun 100-jährigen ifa (Instituts für Auslandsbeziehungen), war vor allem das Werk des Stuttgarter Unternehmers Theodor Wanner (1875–1955). Wanner besaß ein besonderes Interesse an Auslands- und Außenhandelsfragen, aber auch an Völkerkunde. 1910 hatte er wesentlich zur Gründung des angesehenen Stuttgarter Linden-Museums für Völkerkunde beigetragen. Träger dieses Museums war der "Württembergische Verein für Handelsgeographie und zur Förderung deutscher Interessen im Auslande", in dem Wanner ebenfalls eine führende Rolle spielte.

Von Kurt Düwell

Die Idee zur Gründung des Deutschen Ausland-Instituts hatte Theodor Wanner ursprünglich bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Aber der Entschluss reifte erst in den Jahren 1914 bis 1916, als Wanner seinen Plan durch drei andere Initiativen bestärkt sah. Die erste Anregung gab die Ausstellung "Deutsche Geisteskultur und Deutschtum im Ausland", die Anfang August 1914, also schon nach Kriegsbeginn, von dem Geografen Hugo Grothe in den Leipziger Messeanlagen eröffnet wurde und die lange Zeit unterschätzte Bedeutung der deutschen Auswanderer und ihrer Nachfahren umfassend darstellte. Einen weiteren Anstoß erhielt Wanner durch das 1915 von Friedrich Naumann veröffentlichte, sehr viel Aufmerksamkeit erregende Buch "Mitteleuropa". Der liberale Politiker Naumann beschreibt darin die politischen und wirtschaftlichen Interessen Deutschlands im zentraleuropäischen Raum, die durch den Weltkrieg – mit Blick auf die dort lebenden Auslandsdeutschen, die Naumann kaum erwähnte – noch an Aktualität gewonnen hatten. Das Buch wurde auch im "Württembergischen Verein für Handelsgeographie und zur Förderung deutscher Interessen im Auslande" kritisch diskutiert. Die dritte für Wanner ausschlaggebende Anregung lieferte 1916 der Berliner Professor Carl Heinrich Becker, Orientalist und späterer preußischer Kultusminister, der in einer Denkschrift für das Preußische Abgeordnetenhaus die Einrichtung von "Auslandsstudien" als neues Hochschulfach zur "Hebung der Weltkenntnis" und der "weltpolitischen Bildung" in Deutschland gefordert hatte. Wanner bündelte gewissermaßen all diese Anregungen und konnte so in den damals führenden gesellschaftlichen Kreisen bis hin zum deutschen Hochadel trotz schwieriger Kriegslage Unterstützer und finanzielle Mittel für seinen Plan gewinnen.

"Ein Werk des Friedens inmitten des Krieges"

Welche politischen Interessen aber bestimmten diese neuartige Institutsgründung, die obendrein mit der Eröffnung eines Museums einhergehen sollte? Der württembergische König Wilhelm II. bezeichnete das Deutsche Ausland-Institut, das gemeinsam vom Deutschen Reich, vom Königreich Württemberg und der Stadt Stuttgart getragen wurde, am 10. Januar 1917 bei dessen feierlicher Eröffnung als "ein Werk des Friedens inmitten des Krieges". In seiner Rede knüpfte er daran die Hoffnung auf einen baldigen Frieden.

Lesesaal des DAI im Neuen Schloss, 1919 / 1921 © Bundesarchiv Koblenz
Lesesaal des DAI im Neuen Schloss, 1919 / 1921 © Bundesarchiv Koblenz

In der Tat wurde das Institut inmitten einer äußerst angespannten politischen, militärischen und wirtschaftlichen Kriegslage gegründet, die sich in jenen Wochen noch verschärfte. War der Krieg bis dahin eine Auseinandersetzung in Europa und den überseeischen deutschen "Schutzgebieten", vor allem in Afrika, so drohte an der Jahreswende 1916/17 der Kriegseintritt der USA an der Seite Frankreichs, Großbritanniens und Russlands und damit eine globale Ausweitung des Kampfes. Die Frage war: Konnte der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten durch eine deutsche Friedensinitiative noch verhindert werden? Die Sache stand auf der Kippe. Es war eine brenzlige Situation. Erst kurz zuvor, im Dezember 1916, war eine deutsche Friedensnote von Frankreich und England abgelehnt worden. Und auch die Idee des württembergischen Königs und des DAI, die Auslandsdeutschen, besonders in den USA, für den Friedensgedanken zu mobilisieren und den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson als Vermittler eines Friedens zu gewinnen, zerschlug sich bald, als Deutschland Anfang Februar den uneingeschränkten U-Boot-Krieg begann. Während des Krieges vermochte das DAI daher nur eine sehr marginale Rolle für den Frieden zu spielen, da es sich überdies eher im Rahmen der Propaganda bewegen musste.

Die Arbeitsstruktur des Instituts

Die eigentliche Arbeit des Instituts konnte erst nach Kriegsende 1918 beginnen. Am 1. Oktober 1918, noch vor dem Waffenstillstand, wurde Fritz Wertheimer, der zuvor schon Theodor Wanner zugearbeitet hatte, als Generalsekretär des DAI eingesetzt. Wertheimer, der aus einer jüdischen Familie in Bruchsal stammte, aber selbst nicht mehr der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte, war ein studierter Staatswissenschaftler und bekannter Publizist. Er hatte vor dem Krieg für führende deutsche Zeitungen politische Berichte und Analysen aus dem Fernen Osten geschrieben, wohin er viele Reisen unternommen hatte, und im Krieg selbst als Kriegsberichterstatter Zugang zum Hauptquartier des Generals von Hindenburg gehabt. Er war mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden.

Generalkonsul Dr. h. c. Theodor G. Wanner, Gründer des DAI, 1949 © Bundesarchiv Koblenz
Generalkonsul Dr. h. c. Theodor G.
Wanner, Gründer des DAI, 1949
© Bundesarchiv Koblenz

Die Arbeit Wanners und Wertheimers wurde im Institut von einem Verwaltungsrat gelenkt, der sich im Durchschnitt aus 30 Staatsbeamten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zusammensetzte. Auch ein wissenschaftlicher Beirat, dem bis 1933 als ergänzende Gremien noch ein Wirtschafts- und ein Kulturbeirat zur Seite gestellt waren, wurde zur Unterstützung der Institutsleitung eingerichtet. Dem Vorstand gehörten sieben Personen an, die unterschiedliche Regionen betreuten. Während der Weimarer Republik standen dem DAI die von Wertheimer selbst betreuten Osteuropa- und eine Ostasienabteilungen sowie sechs funktionale Sachabteilung zur Verfügung, und zwar: für Auswandererberatung, für Auskunfts- und Stellenvermittlung, für Rechtsfragen (besonders für Völkerbund- und Minderheitenrecht), für Unterstützungswesen (gedacht für Auswanderer ebenso wie für Auslandsdeutsche, die sich in Deutschland aufhielten), für Werbung und für Pressearbeit. 1926 wurde außerdem ein kleines Amerika-Referat geschaffen. Das Institut hatte in den Jahren 1926/27 etwa 50 Mitglieder.

Sacharbeit in alten Print- und neuen Funkmedien

Die besondere Bedeutung der Auswandererberatung und der Betreuung der Auslandsdeutschen brachte es mit sich, dass die Auslandsdeutschen im Mittelpunkt der DAI-Arbeit standen. Sowohl Wanner als auch Wertheimer fühlten sich den außerhalb der Reichsgrenzen lebenden deutschsprachigen Volksgruppen verpflichtet. Sie waren der Auffassung, diese seien besonders während des Krieges von der Reichsregierung vernachlässigt worden. Als Amerika-Kenner und als Experte für Auswanderungswesen, Auswanderungsversicherung und Auswanderertransporte war Wanner sich der Bedeutung der Auslandskunde und der Auswanderungsprobleme sehr bewusst. Daher wurde er während der Weimarer Republik sowohl vom Reichsinnenministerium als auch vom Auswärtigen Amt immer wieder zu diesen Aspekten und Themen konsultiert.

Aber es gab noch ein weiteres Gebiet, auf dem Wanner und Wertheimer aktiv waren, das sich bald als ideales Werkzeug bei der Arbeit des DAI erweisen sollte. Da Wanner sich als Mitgründer des "Süddeutschen Rundfunks" ("Südfunk") und als stellvertretender Vorsitzender der "Reichs-Rundfunk-Gesellschaft" engagiert hatte, erkannten er und Wertheimer schon früh interessante Möglichkeiten, die sich dem DAI durch das neue Medium auftaten: Es konnte dem Institut zu einer größeren Öffentlichkeit verhelfen und für eine weitere Verbreitung seiner Arbeitsmaterialien und Informationen im Ausland sorgen. Als daher das DAI im Frühjahr 1925 mit dem Umbau des Alten Waisenhauses am Charlottenplatz durch Paul Schmitthenner endlich ein geeignetes Domizil für alle Abteilungen gefunden hatte, wurde zugleich ein modernes Rundfunkstudio in den Komplex eingebaut, von dem das Institut regen Gebrauch machte. Die von Wertheimer herausgegebene Halbmonatsschrift "Der Auslanddeutsche" brachte regelmäßig Hinweise auf Radiosendungen zum Leben Deutschsprachiger im Ausland, die, wie Wertheimer immer wieder betonte, als loyale Staatsbürger ihrer verschiedenen Gastländer lebten und arbeiteten. Seit Mitte der 1920er Jahre produzierte das DAI zusammen mit einigen kleineren Partnern jährlich im Schnitt 200 Sendungen, von denen ein großer Teil direkt aus dem hauseigenen Studio über den "Südfunk" ausgestrahlt wurde.

Die Ausstellungsaktivitäten des Instituts wurden dagegen wegen der intensiveren Nutzung des Rundfunks und der Printmedien (neben der Halbmonatsschrift gehörten dazu auch verschiedene Buchreihen und wissenschaftliche Handbücher) vorübergehend vernachlässigt. Ein weiterer Grund aber war die missliche finanzielle Lage, die das Institut seit 1928 belastete. "Am stiefmütterlichsten musste unter dem Zwang der fehlenden Mittel unser Ausstellungswesen behandelt werden", resümierte Wanner im Jahresbericht 1931/32.

Aber nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die innenpolitischen Krisen der Republik, besonders der zunehmende Radikalismus von rechts wie links, behinderten die Arbeit des DAI. Nicht zuletzt bedrohten Hitler und der Antisemitismus seiner Partei die Grundlagen und Voraussetzungen der Institutsarbeit. Das wurde nicht erst nach dem 30. Januar 1933 offensichtlich. Schon vorher war die vernunftgeleitete liberale Geschäftsführung des DAI schärfsten Angriffen ausgesetzt. Dieselben gewaltbereiten Gegner, die Außenminister Gustav Stresemanns Versöhnungspolitik mit allen Mitteln bekämpft und das nach seinem Tod in Mainz errichtete Ehrenmal mit brachialen Mitteln zerstört hatten, griffen nun auch den auf Völkerverständigung gerichteten und auf Langfristigkeit angelegten liberalen DAI-Kurs Wanners und Wertheimers schärfstens an. Die sachlich-wissenschaftliche Arbeit des Instituts konnte unter diesen Umständen nicht immer aufrechterhalten werden.

Professor Kurt Düwell lehrte an den Universitäten Köln und Trier und war ab 1995 Professor für Neueste Geschichte und Landesgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Deutsche und Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Auswärtige Kulturpolitik zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland.

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